Aus den Sümpfen der Recherche
Anna Papst

Lenzburg, 22. September 2015

Die Gefangenen werden, wie alle meine Interviewpartner*innen, für die Auskünfte, die sie mir erteilen, nicht bezahlt. Dennoch möchte ich ihnen etwas geben. Ich halte ihre Bereitschaft, mir ihre Geschichte zu erzählen, nicht für selbstverständlich. Ich möchte sie dafür... «entschädigen» ist das falsche Wort. Sie nehmen beim Erzählen keinen Schaden. Oder doch?

Ich erfahre, dass Telefonkarten in Witzwil ein wertvolles Gut sind. Während die ganze Welt ins Smartphone starrt, herrscht hier drinnen Handyverbot. Jeder Gefangene darf einmal pro Woche Besuch empfangen. Die restlichen sechs Tage sind die aufgehängten Telefonapparate die einzige Verbindung zu den Menschen, die man draussen zurückgelassen hat. Ein Gespräch mit mir führt zu einem Gespräch mit jemand anderem. Dieser Gedanke gefällt mir.



Witzwil, 24. August 2017

Heute gehe ich zum ersten Mal nach Witzwil. Ich werde den stellvertretenden Direktor treffen und ihm von meinem Vorhaben erzählen. Wenn ich ihn überzeugen kann, bin ich einen entscheidenden Schritt weiter. Was zieht man zu einem Besuch in der Strafvollzugsanstalt an?  Der Direktor hat mir lediglich zu gutem Schuhwerk geraten. Ich nehme eine Hemdbluse aus dem Schrank. Als mir auffällt, dass sie gestreift ist, lege ich sie wieder zurück.



 

Anna Papst, Jahrgang 1984, wuchs in Nänikon bei Zürich auf. Sie schloss 2011 ihr Regiestudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab, wo sie unter anderem die Uraufführung der Kurzoper „Lilofee“ inszenierte. Seit ihrem Debut als Theaterautorin mit „Die Schläferinnen“ 2010 am Theater Neumarkt  Zürich arbeitet sie als Autorin und Regisseurin an diversen Theaterhäusern, u.a. am Schauspielhaus Zürich, an der Philharmonie Luxemburg und an der Bayrischen Staatsoper.

Ihre erste Reportage fürs Theater „Ein Kind für alle“ aus dem Jahr 2015, die auch im Schlachthaus Theater Bern zu sehen war, ist immer noch auf Tournee und stand auf der Shortlist des Schweizer Theatertreffens. Gemeinsam mit der Komponistin und Kontrabassistin Anna Trauffer entwickelte sie nach dem Kinderbuch „Frerk, du Zwerg“  ein Musik-Puppentheater , das seit der Premiere im Februar 2017 schweizweit gespielt wird. In Baden rief sie mit dem Kollektiv Wir&Co. eine Bürgerbühne ins Leben, die im Mai 2017 mit „Foxfinder“ ihre erste Produktion realisierte. In der Spielzeit 2017/18 ist Anna Papst Hausautorin am Konzert Theater Bern und verfasst hier ihre zweite Reportage fürs Theater, die sich mit der Resozialisierung ehemaliger Straftäter beschäftigt. Ihre Recherchen zum Thema sind auf unserem Blog nachzulesen.


Bern auf Probe

Unsere Hausautorin schreibt auch für das Kulturblog des «Bund». Ihre Beiträge für KulturStattBern findet ihr hier: