Aus den Sümpfen der Recherche
Anna Papst

24. Oktober 2017

Sie müsse mir noch etwas mitteilen, sagt die Vollzugsbetreuerin am Morgen meines ersten Gefängnisbesuchs. Für das Gespräch mit Herrn P. müssten wir beide eingeschlossen werden. Das sei Vorschrift, da Herr P. sich nicht ohne Aufsichtsperson in unabgeschlossenen Räumen aufhalten dürfe. Ich gelte nicht als offizielle Aufsichtsperson. Wenn etwas wäre, sei ein Telefon im Raum, wenn ich den Hörer abhöbe, läute es sofort bei der Zentrale, und jemand würde kommen, ich müsse nicht einmal etwas sagen. Ich denke daran, wie einfach man mich daran hindern könnte, den Telefonhörer abzuheben, daran, dass ich nicht besonders stark oder schwer oder sportlich bin, dass mich wahrscheinlich noch so mancher überwältigen könnte, wenn er wollte, sage aber, ich sei mit der Einschliessung einverstanden.


09. Oktober 2017

Ich sehe mir ein Bild von Friedrich Glauser an. Ich versuche, mir vorzustellen, wie er durch das Eingangstor in Witzwil geht. Das Eingangstor ist elektrisch.  Glauser spaziert in meinem Kopf durch die Anstalt von heute. Vorbei an den Garagen mit den hochleistungsstarken Landwirtschaftsgeräten, vorbei an der Drillmaschine, am  Schwadmäher, am Feldhäcksler.  Vorbei an den Tieren, an denen sich nicht viel geändert hat, seit er das letzte Mal hier war, die Kühe sind immer noch Kühe, die Schweine immer noch Schweine, nur fetter sind sie geworden. Links liegen die Zimmer der Gefangenen. Glauser biegt ab  - und begegnet meinem ersten Interviewpartner.


22. September 2015

Die Gefangenen werden, wie alle meine Interviewpartner*innen, für die Auskünfte, die sie mir erteilen, nicht bezahlt. Dennoch möchte ich ihnen etwas geben. Ich halte ihre Bereitschaft, mir ihre Geschichte zu erzählen, nicht für selbstverständlich. Ich möchte sie dafür... «entschädigen» ist das falsche Wort. Sie nehmen beim Erzählen keinen Schaden. Oder doch?

Ich erfahre, dass Telefonkarten in Witzwil ein wertvolles Gut sind. Während die ganze Welt ins Smartphone starrt, herrscht hier drinnen Handyverbot. Jeder Gefangene darf einmal pro Woche Besuch empfangen. Die restlichen sechs Tage sind die aufgehängten Telefonapparate die einzige Verbindung zu den Menschen, die man draussen zurückgelassen hat. Ein Gespräch mit mir führt zu einem Gespräch mit jemand anderem. Dieser Gedanke gefällt mir.



24. August 2017

Heute gehe ich zum ersten Mal nach Witzwil. Ich werde den stellvertretenden Direktor treffen und ihm von meinem Vorhaben erzählen. Wenn ich ihn überzeugen kann, bin ich einen entscheidenden Schritt weiter. Was zieht man zu einem Besuch in der Strafvollzugsanstalt an?  Der Direktor hat mir lediglich zu gutem Schuhwerk geraten. Ich nehme eine Hemdbluse aus dem Schrank. Als mir auffällt, dass sie gestreift ist, lege ich sie wieder zurück.



 

Anna Papst, Jahrgang 1984, wuchs in Nänikon bei Zürich auf. Sie schloss 2011 ihr Regiestudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab, wo sie unter anderem die Uraufführung der Kurzoper „Lilofee“ inszenierte. Seit ihrem Debut als Theaterautorin mit „Die Schläferinnen“ 2010 am Theater Neumarkt  Zürich arbeitet sie als Autorin und Regisseurin an diversen Theaterhäusern, u.a. am Schauspielhaus Zürich, an der Philharmonie Luxemburg und an der Bayrischen Staatsoper.

Ihre erste Reportage fürs Theater „Ein Kind für alle“ aus dem Jahr 2015, die auch im Schlachthaus Theater Bern zu sehen war, ist immer noch auf Tournee und stand auf der Shortlist des Schweizer Theatertreffens. Gemeinsam mit der Komponistin und Kontrabassistin Anna Trauffer entwickelte sie nach dem Kinderbuch „Frerk, du Zwerg“  ein Musik-Puppentheater , das seit der Premiere im Februar 2017 schweizweit gespielt wird. In Baden rief sie mit dem Kollektiv Wir&Co. eine Bürgerbühne ins Leben, die im Mai 2017 mit „Foxfinder“ ihre erste Produktion realisierte. In der Spielzeit 2017/18 ist Anna Papst Hausautorin am Konzert Theater Bern und verfasst hier ihre zweite Reportage fürs Theater, die sich mit der Resozialisierung ehemaliger Straftäter beschäftigt. Ihre Recherchen zum Thema sind auf unserem Blog nachzulesen.


Bern auf Probe

Unsere Hausautorin schreibt wöchentlich für das Kulturblog des «Bund». Ihre Beiträge für KulturStattBern findet ihr hier: