Freigänger-Blog

Die Recherchen der Regisseurin

5. Mai 2018
Sie gehen leicht unter, die anderen, die gefangenen Menschen, zwischen all den Angestellten, Zulieferern und Besucher*innen. Und doch sind sie da, zumindest ein paar wenige. Da sein zu dürfen, wenn Menschen aus der Freiheit zu Besuch kommen, ist ein Privileg. Es ist denjenigen vorbehalten, die von der Situation weder überfordert sind noch versuchen, sie auszunützen. Durch ihre Kleidung - graue Hosen mit einem langen roten Streifen an der Seite, der Livree eines Pagen nicht unähnlich - kenntlich gemacht, lesen die Gefangenen den Mist zusammen, den die Pferde der Kutschenrundfahrt hinterlassen, leeren die Abfalleimer, räumen die Tische im Festzelt ab. Sie dürfen nirgends arbeiten, wo eine Kasse in der Nähe ist, sich nicht auf dem Parkplatz vor dem Gelände aufhalten und im Festzelt kein Bier trinken. Aber sie dürfen Teil des grossen Frühlingsmarktes sein, zwar mit Einschränkungen, zwar markiert, aber nicht weggesperrt. Ist das eine Vorschau auf ihre Zukunft in Freiheit? Immer gekennzeichnet zu sein, für immer von bestimmten Bereichen ausgeschlossen? Traurig. Aber würde ich es, wenn ich ehrlich bin, wirklich anders wollen? Wollen, dass ein Sexualstraftäter mir den Parkplatz zuweist? Wollen, dass ein Täter mit Gewaltrisiko im Festzelt bechert? Wollen, dass ein Dieb an der Garderobe arbeitet?

4. Mai 2018
Frühlingsmarkt in Witzwil. Der Wohnbereich der Gefangenen ist abgeriegelt, damit sich die angereisten Marktbesucher*innen frei auf dem Gelände bewegen können. Das Personal verkauft Würste aus der eigenen Schlachterei, den prämierten Süssmost von den Witzwiler Apfelbäumen und handgemachte Kirschkernkissen aus der eigenen Textilfabrik. Stand reiht sich an Stand, Holzwaren an Lederwaren, an Metallwaren. Die Arbeit, die die 180 Gefangenen tagtäglich verrichten, hier wird sie greifbar in der schieren Masse der angebotenen Produkte, alle made in Witzwil. Per Kutsche kann man auf einer dreissigminütigen Rundfahrt das Gelände besichtigen: Die weitläufigen Äcker, den Rebbau, die Pferdepension, die Werkstätten, die Schweineställe. Die drolligen Ferkel entlocken den Vorbeifahrenden Ausrufe des Entzückens. Dass in dieser Bauernhofidylle Menschen ihre Freiheitsstrafe verbüssen, vergisst man leicht und gerne.

16. Februar 2018
Zwei der Gefangenen, die ich interviewt habe, sind inzwischen wieder in Freiheit. Der eine liegt inzwischen wohl in Thailand am Strand, das war sein Plan. Erst einmal raus aus der Schweiz, in der er ein verurteilter Straftäter ist, sogar ein mehrfacher. Ein schwarzes Schaf, ein armer Tropf, eine Gefahr für die Bevölkerung, je nach Sichtweise. Den Wunsch, nochmals neu anzufangen, irgendwo, wo einen niemand kennt, hegen viele Gefangene. Zuviel zerschlagenes Porzellan in der Schweiz und zu wenig Schwämme drüber.

10. Januar 2018
Bei meinem Besuch in der Strafanstalt Lenzburg lerne ich drei Gefangene kennen, die verwahrt werden. Während zwei von ihnen noch auf eine Entlassung hoffen, hat der dritte sich bereits damit abgefunden, bis an sein Lebensende im Gefängnis zu sitzen. Er hat Diabetes, Herzprobleme und hat eine Streifung erlitten. Sein Gesundheitszustand sei so schlecht, sagt er, dass er draussen ebenso gefangen wäre wie hier drinnen. In Freiheit könne er sich auch nicht frei bewegen. Und hier gäbe es einen Notrufknopf und die Sanität komme sofort angerannt, wenn er den drücke. Ihm fehle also nichts. Er ist der zufriedenste Insasse, mit dem ich spreche.

24. Dezember 2017
Ein Insasse hat mir erzählt, dass er seiner zehnjährigen Tochter nicht gesagt habe, dass er im Gefängnis sitze. Sie denke, er sei im Ausland, auf Arbeit. Am Weihnachtsabend? Was sie sich wohl vorstellt, welchen Beruf ihr Vater haben muss? Monteur auf einem Frachtschiff, das von Oktober bis Mai um die Welt segelt. Oder Notarzt in den Tropen, tausende Kilometer vom nächsten Flughafen entfernt. Dabei lebt er kaum eine Autostunde von ihr weg.

24. Oktober 2017
Sie müsse mir noch etwas mitteilen, sagt die Vollzugsbetreuerin am Morgen meines ersten Gefängnisbesuchs. Für das Gespräch mit Herrn P. müssten wir beide eingeschlossen werden. Das sei Vorschrift, da Herr P. sich nicht ohne Aufsichtsperson in unabgeschlossenen Räumen aufhalten dürfe. Ich gelte nicht als offizielle Aufsichtsperson. Wenn etwas wäre, sei ein Telefon im Raum, wenn ich den Hörer abhöbe, läute es sofort bei der Zentrale, und jemand würde kommen, ich müsse nicht einmal etwas sagen. Ich denke daran, wie einfach man mich daran hindern könnte, den Telefonhörer abzuheben, daran, dass ich nicht besonders stark oder schwer oder sportlich bin, dass mich wahrscheinlich noch so mancher überwältigen könnte, wenn er wollte, sage aber, ich sei mit der Einschliessung einverstanden.

09. Oktober 2017
Ich sehe mir ein Bild von Friedrich Glauser an. Ich versuche, mir vorzustellen, wie er durch das Eingangstor in Witzwil geht. Das Eingangstor ist elektrisch.  Glauser spaziert in meinem Kopf durch die Anstalt von heute. Vorbei an den Garagen mit den hochleistungsstarken Landwirtschaftsgeräten, vorbei an der Drillmaschine, am  Schwadmäher, am Feldhäcksler.  Vorbei an den Tieren, an denen sich nicht viel geändert hat, seit er das letzte Mal hier war, die Kühe sind immer noch Kühe, die Schweine immer noch Schweine, nur fetter sind sie geworden. Links liegen die Zimmer der Gefangenen. Glauser biegt ab  - und begegnet meinem ersten Interviewpartner.

22. September 2015
Die Gefangenen werden, wie alle meine Interviewpartner*innen, für die Auskünfte, die sie mir erteilen, nicht bezahlt. Dennoch möchte ich ihnen etwas geben. Ich halte ihre Bereitschaft, mir ihre Geschichte zu erzählen, nicht für selbstverständlich. Ich möchte sie dafür... «entschädigen» ist das falsche Wort. Sie nehmen beim Erzählen keinen Schaden. Oder doch?

Ich erfahre, dass Telefonkarten in Witzwil ein wertvolles Gut sind. Während die ganze Welt ins Smartphone starrt, herrscht hier drinnen Handyverbot. Jeder Gefangene darf einmal pro Woche Besuch empfangen. Die restlichen sechs Tage sind die aufgehängten Telefonapparate die einzige Verbindung zu den Menschen, die man draussen zurückgelassen hat. Ein Gespräch mit mir führt zu einem Gespräch mit jemand anderem. Dieser Gedanke gefällt mir.

24. August 2017 
Heute gehe ich zum ersten Mal nach Witzwil. Ich werde den stellvertretenden Direktor treffen und ihm von meinem Vorhaben erzählen. Wenn ich ihn überzeugen kann, bin ich einen entscheidenden Schritt weiter. Was zieht man zu einem Besuch in der Strafvollzugsanstalt an?  Der Direktor hat mir lediglich zu gutem Schuhwerk geraten. Ich nehme eine Hemdbluse aus dem Schrank. Als mir auffällt, dass sie gestreift ist, lege ich sie wieder zurück.

Anna Papst, Jahrgang 1984, wuchs in Nänikon bei Zürich auf. Sie schloss 2011 ihr Regiestudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab, wo sie unter anderem die Uraufführung der Kurzoper „Lilofee“ inszenierte. Seit ihrem Debut als Theaterautorin mit „Die Schläferinnen“ 2010 am Theater Neumarkt  Zürich arbeitet sie als Autorin und Regisseurin an diversen Theaterhäusern, u.a. am Schauspielhaus Zürich, an der Philharmonie Luxemburg und an der Bayrischen Staatsoper.

Ihre erste Reportage fürs Theater „Ein Kind für alle“ aus dem Jahr 2015, die auch im Schlachthaus Theater Bern zu sehen war, ist immer noch auf Tournee und stand auf der Shortlist des Schweizer Theatertreffens. Gemeinsam mit der Komponistin und Kontrabassistin Anna Trauffer entwickelte sie nach dem Kinderbuch „Frerk, du Zwerg“  ein Musik-Puppentheater , das seit der Premiere im Februar 2017 schweizweit gespielt wird. In Baden rief sie mit dem Kollektiv Wir&Co. eine Bürgerbühne ins Leben, die im Mai 2017 mit „Foxfinder“ ihre erste Produktion realisierte. In der Spielzeit 2017.2018 war Anna Papst Hausautorin am Konzert Theater Bern und verfasste hier ihre zweite Reportage fürs Theater, die sich mit der Resozialisierung ehemaliger Straftäter beschäftigt. Ihre Recherchen zum Thema sind auf unserem Blog nachzulesen.