Gornayas
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Gedanken und Schnipsel der Hausautorin zu den Premieren dieser Spielzeit

«Früchte des Hasses»

Zu "Tresor", 16.05.2017

Mit der (nächtlichen) Idylle ist’s nicht weit her (was auch Christopher im Besten aller möglichen Leben in kürzester Zeit lernt): Das helle Mondlicht entlarvt das fremde Mannsbild, das aus dem Haus des Liebchens tritt. Und schon schreit (oder singt) Mann: Verrat (damit kennen sich die Geschwister Klaus und Edith bestens aus)! Was braucht’s da noch den Auftritt einer Schwiegermutter? Immerhin, Rache ist süss. Das weiss auch Seeräuber-Jenny. Wie gut also, dass am Horizont ein Piratenschiff aufkreuzt und den Peinigern den Garaus macht. Leider gibt es solche Schiffe nur in der Oper, ganz zu schweigen davon, dass nicht alle Menschen in einer Stadt am Meer leben. Was tun also? Manche machen die Faust im Sack, andre ziehen sich Boxhandschuhe an. Oder sie rauchen vor Wut. Look inside! Wer will es ihnen verübeln? Rassisten, Militaristen, Hassprediger. Höchst selten ersticken diese an den eignen Worten. So kommt es, dass an den Südstaaten-Bäumen merkwürdige Früchte hängen, Strange Fruit. Wie war das nochmal mit dem heiligen Zorn?! Die andere Wange ist schlicht eine Zumutung. Schlimm nur, wenn einem die Waffen fehlen; wer ist schon gern in die Ecke gedrängt, wer schon gern ausgeliefert (wie es um die schöne Idee der Freiheit überhaupt bestellt ist, erfährt man bei den Mondkreisläufern)? Besonders schwer haben es in dieser Hinsicht natürlich Zwerge in allen Variationen, Short People (schon Novalis wusste, dass man beim Anblick von Riesen auf den Sonnenstand achten muss). Auch weil ja nicht gleich jeder wissen muss, wer man ist. Falls das Versteck beziehungsweise die Camouflage entdeckt wird und die Katastrophe nicht mehr abgewendet werden kann, nehme man sich ein Beispiel an Rumpelstilzchen und reisse sich mitten entzwei. Zumindest kommt einem dann keiner mehr zu nahe – auch man selbst nicht. Es ist eben nicht zum Aushalten, mit oder ohne die andern (so betrachtet hat Penelope eine gute Lösung gefunden).
Oh man ey, genug damit! Lasst uns zur Abwechslung fröhlich sein... Oh Boyoma!


«Out of the game»

Zu "Das beste aller möglichen Leben", 19.04.2017

Perspektivisch verkürzt ist nicht allein der Bühnenraum, auch das Leben kennt einen Fluchtpunkt; rasend schnell vergeht es. Deshalb ist hier von Anfang nichts so, wie es die Regeln verlangen und das Mögliche es vorgibt: Als Baby spricht und tanzt Christopher, einen Wimpernschlag später ist er mathematisches Genie und Dichter zugleich. Kein Wunder also, dass er Leben in die Bude bringt, und auch kein Wunder, dass den ernannten Eltern die Augen übergehen. Gleichzeitig hat man Angst, wehrt ab, und zwar zu Recht, und dies nicht nur, weil das Gehänge mehr an ein Pferd erinnert denn an einen Menschen. Allein, Christopher weiss und kann zwar viel, doch in Herzensangelegenheiten ist er ein unbeschriebenes Blatt, da mag er sich Begriffe und Sätze in den Kopf hämmern, wie er will. Was ist der Sinn des Lebens, wozu leidet man, wie ist’s mit der Liebe (die Mondkreisläufer warten immer noch auf eine Antwort)? Eine entscheidende Frage, schliesslich will Christopher dazugehören (so auch Karl Rossmann in Amerika). In seinem unbedingten Wissens- und Lebenshunger nimmt er sich, was er will, tyrannisch und trotzig wie ein verzogenes Kind, das selbst als erwachsener Mann der Windel nicht entwächst. Mitunter mehr ein Raubtier, eine Bestie, denn ein Mensch (in der Alten Dame jagt ganz Güllen den schwarzen Panther); was er nicht bekommt, nimmt er sich mit Gewalt (schon in Die Vernichtung das Mittel der Wahl). Zuerst die Mutter, dann den Vater. Ungezähmt, zügellos gebärdet sich dieses Leben. Was er lernt? Man ist allein (Penelope macht aus der Not bekanntlich eine Tugend), Sinn gibt es nicht, Glück allenfalls in Momenten. Man erträgt es eben, das Leben (oder eben nicht mehr, wie uns Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde zeigt). Und was ist der Weisheit letzter Schluss? Es gibt nie genug Liebe, so Christopher, obwohl doch die Liebe die Antwort auf alles ist. Am Ende stirbt er auf dem Küchentisch, auf dem er eben noch einen Gottesbeweis geschrieben hat. Übrigens: Auch Naomi und East, die sich zu Beginn noch mechanisch im Fadengitter bewegen, haben ihre Lektion gelernt. Nun hoffen sie auf ein neues, sprich: ein von Liebe geprägtes Leben.
Aber eben. Wo Liebe ist, ist auch der Hass nicht weit, und mitunter sind Schönheit und Hässlichkeit nur schwer voneinander zu unterscheiden…


(Fotos: Annette Boutellier)



«Von bösartigen Wucherungen und einsamen Pas de deux»

Zu "Die Reise von Klaus und Edith durch den Schacht zum Mittelpunkt der Erde", 06.04.2017

Wohnlich ist es hier nicht. Und dies nicht nur, weil gleich schon zu Beginn ein Schuss fällt. Verrostete Stahlträger, fahles Licht, industrielles Gemäuer. Es ist aber nichts in Stein gemeisselt, schon gar nicht irgendwelche Gebote; Käthe legt falsch Zeugnis ab, Edith mordet und verrät ihren Bruder Klaus, Klaus misshandelt die Schwester. Der Bruder will freilich nur das Beste (in Die Vernichtung geschieht‘s aus Langeweile). Schliesslich ist Edith seit Jahren schwermütig, überall sieht sie den Tod. Was also muss sie immer wieder zum Grab ihres Liebsten (Penelope würde diese Frage nicht stellen)? Und ist er nicht der Einzige, der in der Lage ist, sie, die Verbrecherin, zu lieben? Darum gilt: Wer nicht hören will, muss fühlen. So hat man früher die Leute zur Räson gebracht – oder richtig: ihnen gezeigt, wo der Hammer hängt (in Amerika statuiert der reiche Onkel Jakob an seinem Neffen auf seine eigene Art ein Exempel). Macht nichts, dafür geht man zur literarischen Soirée. Klaus hat nämlich eine Schwäche für die Kunst, ein starkes kulturelles Empfinden (schon in der Alten Dame trägt das Eis nicht). Ganz anders Edith. Sie erhofft sich Rettung von einem Betrunkenen namens Stein, der den eben noch malträtierten Fuss küsst. Die Freiheit und eine neue Liebe sind aber nicht ohne weiteres zu haben, sie haben ihren Preis. Das Erkennungszeichen, das für den Verrat notwendig ist, kennt Edith nur allzu gut: ein Muttermal am Hodensack des Bruders. Mit der Räson wird’s übrigens nichts, weder mit dem Nussknacker noch mit Ohrfeigen, und mit dem neuen Glück wird’s auch nichts. Man hat sich getäuscht (was zumindest die Mondkreisläufer nicht erstaunen dürfte). Und wie es die Geschichte will, erweist sich der Bruder als der, der er eigentlich gar nicht ist: als Unhold von Danzig. Das Ganze endet in Finsternis.
Aber vielleicht ist auch Das beste aller möglichen Leben nicht ohne Finsternis zu haben…


(Fotos: Philipp Zinniker)



«Das Paradies ist für den Künstler die Hölle»

Zu "Tresor", 14.03.2017

Amor ist nicht zu trauen; mal ist er schlecht gelaunt, mal hat er einen schlechten Tag. Doch er spannt den Bogen tagaus tagein. Und schon haben wir das Malheur! Bang, Bang – gebrochene Herzen allenthalben. Zwischentöne gibt’s freilich zuhauf: Unsicherheit, Zweifel und die liebe Eifersucht; Gewissheit gibt’s schliesslich nicht (der programmatische Leitsatz der Mondkreisläufer), schon gar nicht in der Liebe. Der Kampf beginnt, sobald die Besitzverhältnisse geklärt werden müssen (in Katzelmacher kann Jorgos ein Liedchen davon singen). Mitunter folgt auf einen seligen Rausch auch das böse Erwachen. Doch es wäre nicht Liebe, wenn die Vernunft obsiegte: Take another little piece of my heart now, baby!, auch wenn’s noch so schmerzt. Auch hier gilt: Die Hoffnung stirbt zuletzt (darum muss in Penelope alles so bleiben, wie es mal war). Angeblich soll es auch vorkommen, dass Amor gut zielt und die richtigen Herzen trifft – ein glücklicher Moment und auf jeden Fall die Ausnahme. Gut so; nicht von ungefähr ist die Literatur bevölkert mit unglücklich oder glücklos Liebenden. Oder soll man sich Romeo und Julia etwa als glückliches Ehepaar vorstellen? Ein Happy End in Verona (noch weniger ist im Endspiel daran zu denken)? Wie auch immer – manche machen ihr Herz in Liebesdingen zur Mördergrube (in Die Vernichtung ist man allgemein weniger zimperlich), andere tragen es auf der Zunge. Das Resultat? Something Stupid. Übrigens, woran Romeo und Julia keinen Zweifel lässt: Die Familie ist alles andere als ein sicherer Hafen (in Amerika ist dies Karl Rossmanns bittere Erfahrung)!
Wer mit Klaus und Edith zum Mittelpunkt der Erde reist, kann sich mit eigenen Augen davon überzeugen…



«Ade zur guten Nacht!»

Zu "Der Besuch der alten Dame", 02.03.2017

Klug will man vorgehen, denn die Gemeindekasse ist leer und die ehemals blühende Kleinstadt nurmehr eine Ruine. Aber nun wird die Ruine aufblühen, so der Polizist angesichts der erhofften Millionen (von einer besseren Zukunft träumt auch die Jugend in Katzelmacher). Allein, die Güllener haben die Rechnung ohne den Wirt, hier: das Wildkätzchen gemacht. Welchen Ausgang die Sache nimmt, ist von Anfang an klar: Zu dreizehnt sitzt man am Tisch, und so nimmt alles naturgemäss seinen Gang: Die Gemeinde jagt den schwarzen Panther, der hier freilich nicht entlaufen kann. Was Wunder, dass sich der humanistisch aufgeladene Lehrer am Steinhäger schadlos hält. Vom Balkon aus lässt sich der Jagd mithilfe eines Opernguckers anstrengungslos zuschauen oder, ebenso bequem, mithilfe von Popcorn dem Unappetitlichen entfliehen. Nicht zu vergessen, dass der Balkon ein prominenter Ort für Liebespaare darstellt – das gilt für Romeo und Julia ebenso wie für Ill und Kläri. Rühren lässt sich die alte Dame übrigens nicht. Sie hat die Welt gesehen, kennt die Menschen und vor allem sich selbst: Ich bin die Hölle geworden (von Vernichtung träumt man auch anderswo). Insofern macht sich Ill zunächst falsche Hoffnungen; nicht von ungefähr sind der Konradsweilerwald und die Petersche Scheune innerhalb der Ruine angesiedelt (für Penelope hingegen darf die Zeit keine Spuren hinterlassen). Am Ende scheut niemand das grelle Licht. Warum auch? Die Umdeutung ist überstanden, der Verrat zur Gerechtigkeit erklärt (Karl Rossmann aus Amerika wäre empört, ebenso Anna Politkowskaja). Und so ist Güllen zwar finanziell saniert – man hat gerade eine Milliarde eingesackt, – doch moralisch ruiniert. Die humanistischen Ideale des Bildungsbürgertums sind in den Trümmern der Ruine begraben, sie liegen in Schutt und Asche. Kein Wunder also, dass bei Claires Ankunft die Feuerglocke bimmelt. A propos: Rauchzeichen gibt’s sehr wohl: bei der obligaten letzten Zigarette, aber auch schon vor dem Show-down, wenn Ill und Kläri in trauter Zweisamkeit eine Romeo y Julieta paffen.
Andre können ein Lied davon singen, dass das mit der Liebe so eine Sache ist…


(Fotos: Philipp Zinniker)



«Wenn der Samen auf Felsengrund fällt»

Zu "Ertrinken ist ein stiller Tod", 01.03.2017

Nomen est omen – hier nicht! Eher schon ist der Name ein Hohn. Da hilft’s auch nicht, dass der Vorfahr Erhard Joyeux – die Familie stammt ursprünglich aus dem Languedoc - den Namen ins Deutsche übersetzt, als er eine Zürcherin heiratet; die neue Heimat soll wissen, dass er sich nicht als Fremder versteht. Und Friedrich? Nirgends fühlt er sich so fremd als in der Heimat. Verhinderung allenthalben, die in Verzweiflung mündet und am Ende in den Tod. Das Talent zur Anpassung fehlt dem Komponisten. Die Fussstapfen der kleinbürgerlichen Gesellschaft passen ihm nicht, selbst wenn er wollte. Das ist vor seiner Zeit in Berlin nicht anders als nach seiner Rückkehr in die Schweiz. Das heimatliche grüne Tal, in der Ferne die Alpen im Abendglanz – die Idylle trügt, wie sie es immer tut; Fröhlich hat unter sich nicht fruchtbaren Boden, sondern Felsen. Was soll darauf schon wachsen und gedeihen? In der Heimat gibt’s für den Musiker weder Austausch noch Widerhall, und Verständnis findet er nur bei seinen wenigen Freunden. Die Taschen sind natürlich leer, das meiste ist unveröffentlicht. Glück? Einzelne Momente, die er der Hoffnung verdankt und den nächtlichen Stunden, in denen er komponiert. Doch vor allem ist’s ein Kampf. Der Vater hat es kommen sehen; er weiss, wovon sich in der Schweiz leben lässt: Lehrer muss man werden, Pfarrer, Richter. Vor dem Künstler zieht niemand den Hut. Felix Mendelssohn, Beethovens Neunte, Schleiermacher – Berlin, das war einmal. Das Paradies ist verloren, das Hier und Jetzt aber ausweglos.



«Warum Odysseus nicht zum Tischtennisspielen kommt»

Zu "Penelope", 24.02.2017
 
Eine Krone trägt sie nicht, auch fehlen Königreich und Palast. Es sei denn, man messe dem Keller, in dem Penelope (leider nicht immer) duscht und schläft, diese Bedeutung zu. Um Besitz und Herrschaft geht es gleichwohl; schliesslich ist es «sein Haus». Und gerade weil er nicht mehr da ist, muss alles so bleiben, wie es war bzw. wie es ist. Das gilt vor allem für Penelope selbst, getreu dem Wunsch des Abwesenden: «Bleib wie du bist. Erhalte dich». Sie nimmt das durchaus wörtlich. Die Zeit darf keine Spuren hinterlassen, was naturgemäss unmöglich ist, nicht nur, wenn man als Alleinerziehende Pampers anschleppen muss: Die Tischtennisplatte im Garten verwittert, der Ball, den der Abwesende vor Jahren aufgeblasen hat, geht beim Spielen kaputt. Dennoch, sie strengt sich nach Kräften an und wird gerade dadurch zur anstrengenden Mutter. Sie wehrt sich gegen den Lauf der Zeit (während Anna Politkowskaja todesmutig gegen die Lügen der Herrschenden anschreibt) – wenn nötig, kann man sich ja auf zwei Kinderstühle setzen –, erklärt das Absurde zum Vernünftigen und umgekehrt. Sie bunkert sich ein, verschliesst die Fenster zum Draussen. Ein totes Telefon ist die «Nabelschnur zur Welt» – was Wunder, dass sie sich darin verheddert? Besonders geschmeidig ist die Verlassene also nicht; den Begriff ‹Lebensabschnittspartner› kennt sie entweder nicht oder, wenn doch, er ist ihr ein Gräuel. Kurz gesagt: Sie lebt in der «Warteschleife» (im Endspiel wartet Hamm auf das Ende, das nicht kommt). Freier, denen der heimkehrende Odysseus den Garaus zu machen hätte, finden sich hier keine (Jorgos tritt bekanntlich nur in Katzelmacher auf) – nun ja, es gibt auch kein Königreich zu holen. Hingegen gibt’s «Ähnliche» (und wie in der Vernichtung schon wieder einen toten Hund), die nicht wissen, wie ihnen geschieht. Am Ende zeigt er sich, der lang Ersehnte (während Karl in Amerika wahrscheinlich als Verschollener enden wird)! Und wie es die Geschichte will, tritt Odysseus als Rächender auf. Allein, die Rache überrascht, und auch der Betrug ist da, wo man ihn zuallerletzt erwartet. Nicht, weil von einem toten Schwiegervater nie die Rede ist und Penelope an diesem Abend ihr eigenes Totentuch webt. In Odysseus‘ Gefolge kehrt auch Claire Zachanassian nach langer Zeit in ihr Heimatstädtchen zurück. Ein netter Besuch wird das nicht…


(Fotos: Philipp Zinniker)



«Der Schatz, vor dem manch einem graut»

Zu "Tresor", 11.01.2017

Hier bin ich geboren. Was sagt das schon? Die einen wollen hierhin zurück, die andern nichts wie weg von hier, wieder andre bleiben (was nicht heisst, dass sie nichts wollen). Das Haus am See ist Fluchtpunkt in beide Richtungen. Man flieht in die Fremde, weil man das allzu Vertraute – seit je bekannte Gesichter und Fassaden, Wege, die man seit der Kindheit geht – nicht mehr aushält (bis einen dann vor Heimweh in eben dieser Fremde nichts mehr hält). Oder weil in einer nicht enden wollenden Nacht die Einsamkeit unerträglich scheint. Die grosse weite Welt wartet! Es muss ja nicht die Suite im Ritz sein (im Wilden Westen ist Tom Saywer mit roten Tantenäpfeln vollkommen glücklich). Wem’s gefällt, bitte, aber ohne mich! Als hätte sich die Welt nicht längst unsrer guten Stube bemächtigt. War das früher etwa nicht ein Dorf hier? Jetzt ist die Aussicht verbaut, das Vaterland wird verscherbelt, man versteht das eigne Wort nicht mehr und die andern noch viel weniger. Die Berge sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Was noch nicht untergegangen ist, gilt es zu beschützen. Der Schatz gehört weggesperrt, vor dem Zugriff des Fremden, der sich früher oder später als Dieb zu erkennen gibt (in Katzelmacher wird der Gastarbeiter Jorgos verprügelt, weil er was mit der Marie anfängt). Manchmal bleibt nur die Erinnerung (nicht von ungefähr ist in Amerika die Fotografie der Eltern Karl Rossmanns wertvollster Besitz). Wenn alle Stricke reissen, kann man sich selbst aussperren, was ja zugleich ein Einsperren ist: sicher ist sicher. Träumen lässt sich allemal, zum Beispiel von einer Idylle, die nie eine war (das liegt naturgemäss am Menschen). Vom grossartigen Land Atlantis, dem untergegangenen Reich (im Endspiel haben Hamm und Clov das Träumen längst aufgegeben, so sie denn je geträumt haben), oder auch von der Liebe, von Gerechtigkeit und Freiheit. Hauptsache, man hat ein Dach über dem Kopf. Schliesslich, wer ist schon gern ein rolling stone? Die einen wollen zurück, die andern nichts wie weg, wieder andre bleiben (selbst unter Lebensgefahr, wie Anna Politkowskaja, eine so genannte Nestbeschmutzerin).
Und dann gibt es noch die Zurückgelassenen, Verlassenen, die darauf warten, dass der geliebte Mensch aus der Fremde zurückkehrt. So geschehen Penelope, der Königin von Ithaka…


(Foto: Janosch Abel)



«Antigone in Grosny»

Zu "Anna Politkowskaja - Eine nicht umerziehbare Frau", 06.01.2017

Ein Monolog ist es und doch nichts weniger als ein Monolog. Anna Politkowskaja spricht, weil es für sie notwendig ist wie das Atmen, wohl wissend, dass es sie irgendwann das Leben kosten wird. Im Visier der Journalistin: der Tschetschenienkrieg, präziser: die Verbrechen der russischen Armee und der mit ihnen verbündeten paramilitärischen tschetschenischen Gruppen. Politkowskaja geht es um Fakten: 3 bis 4 Tote am Tag, das ist die Norm. Die muss auch der 19-jährige Sascha schaffen – es ist alles eine Frage der Technik –, der bei den russischen Einheiten kämpft, damit er eine Arbeit und damit zu essen hat (wer weiss, wozu Erich aus Katzelmacher bereit wäre?). Weitere Wahrheiten: Folter, Vergewaltigungen. Nach dem Bombenattentat im Schnee dunkles Blut, zerfetzte Rohre, ein Kopf, anderes Zersprengtes. Die wahren Worte (um die ist es auch Karl Rossmann in Amerika zu tun, wenn auch ohne Erfolg), die sich gegenüber der offiziellen Darstellung behaupten sollen, sind hart erkämpft: In Grosny gibt’s weder Wasser noch Nahrung und auch keinen Strom. Die Geländewagen, mit denen allein man sich auf den verwüsteten Strassen fortbewegen könnte, sind in den Händen des Militärs. Dafür gibt’s Kontrollen, Banden, die einen ausrauben, räudige Hunde, die Menschen zerfleischen. An Schlafen ist wegen der unzähligen Explosionen nicht zu denken. Hat die Journalistin Angst? Gründe gäbe es genug! Da sie ausspricht, was viele weder hören noch lesen wollen, gehören dazu auch 10 – 15 Morddrohungen pro Woche. Es ist aber nicht die Angst, die Politkowskaja zu schaffen macht; mit 47 Jahren ist sie vor allem müde: Weil sie von Kollegen – die meisten besitzen das Parteibuch – als Nestbeschmutzerin beschimpft, sie für jeden Artikel vom Staatsanwalt vorgeladen und mitunter stundenlang verhört wird, weil sich der Lügner erfolgreich durchsetzt, sie aber als verrückt oder kriminell gilt. Und so klar der Sinn ihres Tuns auch ist (davon träumen die Mondkreisläufer weiterhin), so schwer lastet die Verantwortung, wenn jene, die mit ihr zu sprechen bereit sind, dafür mit ihrem Leben zahlen. 2006 wird Anna Politkowskaja erschossen.
Man kann die Stimme erheben, indem man schreibt, spricht oder auch singt, Musik macht. Manchmal geht auch alles zusammen. Und nicht immer steht alles auf dem Spiel…


(Fotos: Annette Boutellier)



«Eine Spur im mächtigen Nirgendwo»

Zu "Amerika (der Verschollene)", 16.12.2016

Er steht an der Reling, notdürftig mit einem Koffer ausgestattet. Allein, Karl Rossmann ist kein Auswanderer, vielmehr wurde er von den Eltern aus ökonomischen Gründen nach Amerika verschifft; sie haben ihn „beiseite geschafft“, wie der reiche Onkel Jakob sagt, ein Selfmademan, die Verkörperung des American Dream. Doch der Blick auf die Freiheitsstatue trügt und der Kapitän irrt, wenn er Karl prophezeit: «Es erwartet Sie eine glänzende Zukunft» (daran möchte in Katzelmacher nicht nur Erich gern glauben). Ein Heer von Arbeitslosen ist unterwegs und wer Arbeit hat, schuftet sich notgedrungen krank. Die Uniform, in die Karl schlüpft, ist nass vom Schweiss von Generationen von Liftjungen. Der Onkel hat ihn freilich schon gleich nach der Ankunft gewarnt: «Auf Mitleid darf man hier nicht hoffen». Umso mehr erstaunt es, dass er selbst das beste Beispiel dafür abgibt: Er verstösst seinen Neffen, aus Prinzip und wider seine Gefühle (auch in 3.31.93 sind die Gefühlswelten bisweilen abgründig), weil sich dieser nicht seinem unausgesprochenen Willen fügt. Man erwartet von Karl, dass er sich (ver-)beugt, nicht nur in seiner Funktion als Liftjunge. Sei es Klara, sei es der Oberkellner oder auch Delamarche – mal stossen sie ihn unwiderruflich von sich, mal halten sie ihn gewaltsam fest: «Ich sage, du bleibst», so Delamarche. Sie verfahren willkürlich, nutzen Karl aus, bestrafen ihn masslos für Vergehen, die keine sind (dagegen kommt auch ein Tom Saywer nicht an). «Du musst dich zur Wehr setzen, sonst haben doch die Leute keine Ahnung von der Wahrheit.», sagt Karl zum Heizer. Er selbst aber ist wehrlos, ohne Begriff für das, was die andern in grösster und zugleich brutalster Selbstverständlichkeit tun. Was vermag da die Oberköchin, was Therese? An eine Rückkehr ist nicht zu denken; es fehlt an Geld und an Gelegenheit, zu weit hat sich Karl von der Küste entfernt; nicht von ungefähr kommt ihm das Foto der Eltern schon früh abhanden. Wo ist der Anfangs-, wo der Endpunkt (eine Antwort ist weder von Hamm und Clov aus dem Endspiel noch von den Mondkreisläufern zu erwarten)? Die Spur verliert sich in beide Richtungen. Für manche ist Amerika das Land der Hoffnung, eine Zufluchtsstätte, für Karl aber das unbewohnbare Land. Schiere Macht triumphiert hier über Menschlichkeit, Vernunft und die Sprache der Wahrheit.
Bald erhebt Anna Politkowskaja ihre Stimme gegen die Gräuel der Mächtigen und ihre Lügen. Sie hat dafür den höchsten Preis bezahlt.


(Fotos: Annette Boutellier)



«Der Lausbub hat das Herz am rechten Fleck»

Zu «Die Abenteuer des Tom Sawyer», 08.12.2016

Lausbube. Frechdachs. Bengel. Schlingel. Schelm. All das ist ohne Zweifel Tom Sawyer, aber sicherlich kein Schuft, kein Lumpenhund, kein Schurke. Damit wär‘ bereits das Wichtigste gesagt. Sieht man davon ab, dass es hingegen Erwachsene sind, die als Schurken die wahren Schandtaten begehen: Sie erklären den armen Huck zum sozialen No-Go, sie verprügeln Schüler und erstechen einen Dr. Robinson. Toms Sündenregister ist dagegen ein Nasenwasser (apropos: Wie gross muss ein Popel sein, damit man ihm dem örtlichen Vorzeigeknaben hinterher katapultieren kann?). Ganz oben auf Toms Sündenregister stehen Äpfel, genauer: rotwangige und saftige «Tantenäpfel», die natürlich nur gestohlen göttlich schmecken. Um ein Herz zu erobern, verschenkt Tom nicht nur eins der Prachtexemplare – wir befinden uns im Wilden Westen, nicht im Paradies! –, sondern gleich einen ganzen Haufen, so dass der Angebeteten die Augen übergehen. Gejammert wird übrigens nicht, es sei denn, man muss am Montag wieder zur Schule. Ein schlimmer Zeh, ein loser Zahn? Man hilft sich eben selbst. Das alles hat seinen Preis: Da setzt es schon mal eine Tracht Prügel, von der Posaune, der Banjo und der Geige flott begleitet. Des Lehrers Prügel werden freilich nichts fruchten, umso mehr Tom Sawyer aus dem Leben seine eigenen Lehren zieht und mit seinen Weisheiten auch nicht hinter dem Berg hält; wozu trägt man schliesslich Hosenträger? Well. Da mag sich Polly – zu jedem Lausbuben gehört schliesslich eine Tante oder ein vergleichbares gutes Wesen – die Haare raufen, wie sie will: «Dieser Bengel bringt mich noch ins Grab!» Nicht doch! Auf dem Friedhof liegen zu Hauf gottlose Kerle und neue kommen – Teufel aber auch! – dazu, mitsamt einer toten Katze. Wir drücken gern ein Auge zu. Denn schliesslich hat der Lausbub das Herz am rechten Fleck, was man daran sieht, dass es a) bisweilen schmerzt – «Oh Herz – oh Schmerz!» – und b) es ernst gilt, wenn’s ernst gilt, auch wenn man sich mit Huck am liebsten für immer auf einer Insel verstecken möchte, um die eigene Haut zu retten. Aber weil die Erwachsenen blind, blöd, borniert oder alles zugleich sind, bleibt einem nichts andres übrig, als Mut zu zeigen. Na, und der Mut wird natürlich belohnt: Muffs Kopf wird aus der Schlinge gezogen, der Mörder bekommt seine gerechte Strafe und Tom einen Kuss. High five! (Die Figuren aus Mondkreisläufer, 3.31.93, Die Vernichtung, Katzelmacher und dem Endspiel schweigen betreten.)
Karl Roßmann hat zu dieser Geste ebenso wenig Anlass. Wo er auch hinkommt, so sehr er sich auch bemüht – er ist der Verstossene …


(Fotos: Annette Boutellier)



«Lass uns aufhören zu spielen!»

Zu «Endspiel», 06.12.2016

Was unter der Verhüllung zum Vorschein kommt, ist weder eine Nähmaschine (Man Ray) noch ein Küstenstreifen in Australien (Christo) und schon gar nicht ein Leuchtturm (Beckett); der liegt nämlich im Kanal. Nein, auf einem erhöhten Stuhl thront Hamm. Oder auch: der Mensch, angeblich die Krone der Schöpfung. Wenn’s nicht zum Weinen wär‘, wär’s zum Lachen. Die Enthüllung offenbart freilich nichts, noch weniger darf man auf Erleuchtung hoffen, obwohl es sich bisweilen anhört wie ein Kōan: «Das Ende ist am Anfang, und doch macht man weiter.» Und zwar nicht, weil Hamm blind ist und Clov dem Licht nachtrauert, das er verliert, sondern weil alles ein Spiel ist, und dazu eins, das von Anfang an verloren ist: Draussen ist der Tod. Die Wogen aus Blei, keine Sonne, keine Möwe, nichts, nichts mehr (die Frage der Mondkreisläufer nach dem Woher und Wohin ist zwar nicht beantwortet, hat sich aber irgendwie erübrigt). Und der Unterschlupf? Ein Begriff ohne Sinn; als ob die Hölle nicht auch drinnen wär’ (schon die Betrogenen, Verlassenen, aneinander Scheiternden aus 3.31.93 führen uns dies vor Augen)! Auf Gedeih und Verderb sind Clov und Hamm aufeinander angewiesen, dem andern ausgeliefert: Geht Clov, stirbt Hamm, stirbt Hamm, verhungert Clov. Worüber also reden? «Du verpestest die Luft.» Was tun? «Ich betrachte die Wand.» Eine Variation: «Lauf!» Und schon läuft Clov auf seinen schmerzenden Beinen im Kreis herum. Hamm pfeift nach Clov, als wär’ dieser ein Hund. Clov braucht kein Halsband; er gehorcht, wenn auch unwillig. Beim Plüschhund jedoch besteht Hamm auf dem Halsband und auch auf dem Geschlecht. Aber wer soll sich hier, auf der Erde, jenseits der Zeit, noch fortpflanzen? Es gibt kein Entrinnen, es gab nie ein Entrinnen. Hamm und Clov reden, als gäb’s keine Geschichte: Dieses qualvolle Jetzt ist immer schon gewesen; Hoffnung auf eine Veränderung ist keine (und auszulöschen gibt’s, anders als in Die Vernichtung, noch nicht einmal mehr einen Hund); ein Leben lang dieselben Fragen und Antworten. Ein Leben, das keins ist. Ein glücklicher Moment? Nicht, dass man wüsste. Ein Lachen angesichts der Absurdität? Schon, aber es kommt nicht von Herzen; lustig ist das Ganze keineswegs. Beruhigungstabletten – sie gehen übrigens zur Neige – vermögen da wenig, so wenig wie Begriffe (und Schlagring und Lederjacken in Katzelmacher). Was Wunder, dass man es satt hat – den andern und auch sich selbst, und vor allem die Rolle, zu der man verdammt ist. Darum muss/kann/soll/wird es vielleicht enden: «Schluss damit!», so Hamm. «Lass uns aufhören zu spielen!», so Clov. Am Ende des Abends (also jenseits des Spiels) bittet Hamm Clov um ein paar Worte, «über die ich nachsinnen könnte in meinem Herzen.» Ja, wer solche Worte kennte. Am Ufer des Mississippi hingegen wird nicht nur der Spielraum zur Gänze ausgekostet, es kommt auch zu einem glücklichen Ende…


(Fotos: Philipp Zinniker)



«Die Ordnung muss wieder hergestellt werden»

Zu «Katzelmacher», 27.10.2016

Sie kennen ihn, bevor er überhaupt auftritt: den Ausländer. Genauer: den Gastarbeiter. Ein Katzelmacher. Jorgos kommt daher, das ist für die jungen Leute schon Provokation genug. Die Plattnerin hat ihn eingestellt, um die Produktion und damit den Profit in ihrer Fabrik zu erhöhen. Die ehemalige Schulfreundin ist die Einzige, die’s geschafft hat, während die andern nicht wissen, wohin mit sich (Julia, Tobias und Jan aus Die Vernichtung gesellen sich dazu, mit dem Unterschied, dass sie Möglichkeiten haben und Geld dazu). Alles kostet einen Preis, den man nicht bezahlen will: Dem Wirt ist die Tanzkapelle zu teuer, der Plattnerin die Arbeit der Inländer, Ingrid die Liebe. Und die Zukunft? Ein trostloses Unterfangen (während in 3.31.93 grade in der vollkommenen zwischenmenschlichen Düsternis ein flüchtiger Moment der Erlösung aufscheint). Und so nutzt man jede Gelegenheit, den andern, dem es nicht besser geht, zu beschimpfen. Schläge gibt’s auch, wie man erfährt; Ingrid hat es von Erich und Erich von Bruno. Viel wissen die jungen Leute nicht, umso mehr wird geredet (von dem, was man gemeinhin zu wissen glaubt, halten die Mondkreisläufer nicht viel). Was spielt’s für eine Rolle, dass Jorgos gar kein Italiener ist, sondern aus Griechenland stammt? Ein Fremder eben. Einer, der den Männern die Frauen wegnimmt. Ein Kommunist, kein Christ. Er stinkt und dumm ist er auch. Auf jeden Fall muss er weg. Schliesslich gehört die Marie dem Erich, aber jetzt geht die Marie – ebenso sehnsuchtsvoll wie naiv – mit dem Griechen: «Gib mir einen Kuss, weil das schön ist.» (Das Happy End war freilich nur im Weissen Rössl zu haben. Danach hat Giesecke die Koffer gepackt.) Das erzürnt nicht nur Erich, sondern auch Gunda, die keiner will und sich darum eine Geschichte ausdenkt, die den andern gelegen kommt. Der Katzelmacher hat die Gunda vergewaltigt? Kastrieren muss man ihn oder – besser – gleich totschlagen (Zerstörung erscheint schon in Die Vernichtung das programmatisch legitimierte Mittel gegen Langeweile und Frustration). Schlagring, Lederjacken, auf dem Rücken Chikago Rockers – so stellt man sich eine Gang vor und wer nicht mitmacht, gehört zum Feind. Tote gibt’s an diesem Abend keine. Aber man bekommt eine Art Phänomenologie des Fremdenhasses zu sehen. Man kennt die Stimmen. Proben sie den Aufstand, die Revolte? Von wegen. Die Ordnung muss wieder hergestellt werden, und bedeute sie auch eine Existenz voller Erniedrigung; getreten wird nach unten. Wissen die jungen Leute, was sie tun? Ham weiss, was er tut; er gibt sich keinen Illusionen hin. Seine Züge gelten einem Spiel, das, in der Apokalypse verortet, von Anfang an verloren ist.


(Fotos: Annette Boutellier)



«Einen kleinen Hund ertränken?»

Zu «Die Vernichtung», 14.10.2016

Einen kleinen Hund ertränken? Julia, Jan und Tobias muten uns einiges zu (allen voran natürlich den Hundeliebhabern). Rebellen sind’s nicht, doch sie sehnen sich nach dem Aufstand, der alles verändert (während Giesecke aus dem Weissen Rössl bloss von Ahlbeck träumt). Ihr Hass und ihre Verachtung gelten einer verlogenen, vom Wohlstand verwöhnten Gesellschaft, die bar jeglicher existentiellen Erfahrung ist (was der behinderte Cellist aus 3.31.93 ebenso bestreiten würde wie die Mutter, deren Kinder im Feuer umkommen); einer Gesellschaft, in der man sich angesichts der Flüchtlinge gerne betroffen zeigt, aber keine Probleme löst, sondern sich angstvoll von ihnen abwendet; einer Gesellschaft, die andre unterdrückt und ausbeutet; einer Gesellschaft, die blind vor sich hinlebt – oder besser: die stillsteht. Nur, so rebellisch auch ihre Gesinnung ist, so wenig sind die drei Jugendlichen in der Lage, selbst zu handeln. Man wartet, gleichsam als Schablonen im Paradiesgarten. Das eigne Leben scheint leer, sinnlos. Wo ist der Whiskey, wo der Stoff? Man inszeniert sich, ganz zeitgemäss: Wie seh ich aus, sieht das gut aus?, fragt Julia (der schöne Sigismund aus dem Weissen Rössl ist auf die ständige Vergewisserung nicht angewiesen). Etwas Richtiges passiert nicht. Umso mehr stellt man sich vor, was zu tun wäre: Mit Bolzenschneider lassen sich Telefonleitungen durchtrennen. Ist es wahr, dass Menschen in extremer Angst einen Orgasmus bekommen? Diese Theorie müsste man mit Experimenten an zu Tode Verurteilten überprüfen. Die Leute an der Bar gehören umgebracht, so langsam wie sie arbeiten. Die (Selbst)zerstörung oder eben: Vernichtung findet durch Jan ihre programmatische Rechtfertigung: Weil’s nicht zum Aufstand der Hunde kommt, muss der Hund vernichtet werden. Und weil sich der Mensch grundsätzlich schuldig macht, müsste sich der Mensch – als Akt der Befreiung – umbringen. Und in letzter Konsequenz andre Menschen mit in den Tod reissen. Es graut einen. Vor der absurden Logik. Vor dem, was man sieht und hört: der Kälte, den gegenseitigen Verletzungen, dem Hass. Sind sie wahnsinnig? Sicherlich nicht. Zu einfach würde man es sich machen; (Zerstörungs)wut entsteht auch da, wo das Ideal einer humanen Gesellschaft verraten und eine Veränderung nicht möglich scheint. Nicht zuletzt, weil die Wahrheit oder die Welt  – trotz aller apodiktisch ausgesprochenen Verdikte – schwer zu erkennen ist. Was weiss man überhaupt?, fragt am Ende Jan (die Mondkreisläufer finden darauf bekanntlich auch keine Antwort). Man ist erschöpft. Wovon? Von einem Kampf, der gar nicht geführt worden ist?
Auch im Katzelmacher herrscht Leere. Und man verschwört sich, aber nicht gegen die Gesellschaft, sondern gegen Jorgos, den Ausländer.


(Fotos: Birgit Hupfeld)



«Glück - ein Wort, dessen Sinn man erst entdecken müsste»

Zu «3.31.93», 23.09.2016

Die Hölle, das ist das Zwischenmenschliche, an diesem Abend für einmal erhellt von 43 Momentaufnahmen. Sie bewegen, berühren, wühlen auf. Man möchte den Bildern entfliehen und ist doch mittendrin, gebannt: Die Deckenlampe gehört ausgelöscht, das Tischtuch muss symmetrisch liegen, fordert der Sohn von den Eltern (Leopold, serviettenwedelnd, wartet auf seinen Auftritt. Leider hat der Kellner aus dem Weissen Rössl hier nichts verloren.); vom Leben tyrannisiert wird er selbst zum Tyrannen (was sich Giesecke, Fabrikant und Miesepeter aus dem Weissen Rössl, freilich verbitten würde: «Det Jeschäft wär richtig!­­­­­­»). Seine Frau will sich von ihm scheiden lassen, warum, weiss man nicht. Emma bringt sich in der Badewanne um, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Lena hat den dritten Selbstmordversuch hinter sich. Aaron, der Cellist, ist nach einem Unfall behindert. Als ob das nicht reichte, betrügt ihn seine Frau mit seinem Vater. Die Mutter geisteskrank, der Vater Alkoholiker. Ein Haus, das brennt, und darin die eignen Kinder. Man trinkt sich zu Tode. Verleugnet den Sohn, weil er sich nicht kümmert (der schöne Sigismund schaut ratlos; er passt zwar ins Weisse Rössl, nicht aber in dieses Stück). Man trennt sich, findet jemand andern, trennt sich wieder. Figuren und Geschichten verdichten sich, als wär’s ein Traum, über alle Zeiten hinweg. Das Leben ist eine einzige Zumutung, Liebe im besten Fall ein Versuch (reizende Töchter gibt’s hier im Gegensatz zum Weissen Rössl keine), Glück ein Wort, dessen Sinn man erst entdecken müsste. Wer trägt Schuld am Unglück, am eignen und an jenem der andern (auch T, O, L und S, die im Mondkreisläufer Fragen nach dem Woher und Wohin stellen, wissen darauf keine Antwort)? Es wird viel geschwiegen, weil das, was zu sagen wäre, nicht auszusprechen ist (damit hat einer wie Giesecke nicht die geringste Mühe). Aber auch kein Heulen und kein Zähneknirschen, dafür Ungeduld, Wut und bisweilen Atemlosigkeit. Fremde sind sie für uns, und doch an diesem Abend ganz nah, weil ihre Sehnsüchte, aber auch ihre Enttäuschungen und Unzulänglichkeiten auch die unsern sind; es sind nicht die andern, die hier stehen und nicht anders können. Ungeschminkt werden sie gezeigt, aller Attribute entkleidet. Ihre Nacktheit geht unter die Haut, ihr Dunkel lässt einen das Glück schmerzhaft erahnen. Nur so wäre das Wort Paradies zu verstehen. Am Ende legt sich die Ehefrau zu ihrem toten Mann ins Bett, umarmt ihn, atmet ihn an: ein stiller flüchtiger Moment der Erlösung? In Die Vernichtung hofft man derweil darauf, es möge endlich etwas «Richtiges» geschehen…


(Fotos: Annette Boutellier)



«Oeufs à la Cocotte»

Zu «Im weissen Rössl», 16.09.2016

Oeufs à la Cocotte, Herz am Spiess, Liebesknochen im Himbeersauce. Leopold (serviettenwedelnd) weiss, wovon er spricht: Seine Herzensdame, die Rösslwirtin, schwärmt für den Rechtsanwalt Siedler, einen Stammgast mit Doktortitel, und hat darum kein Ohr für sein Liebesgeflüster. Umkämpft ist auch das einzige Zimmer mit Balkon (in Ahlbeck gibt’s unzählige davon!), das zwar besagtem Stammgast zusteht, auf dem jetzt aber bereits Giesecke aus Berlin steht, mitsamt seiner reizenden Tochter Ottilie. Giesecke wünscht zunächst nur eines: Buletten. Und ansonsten das Wirtshaus zum Weissen Rössl mitsamt dem Wolfgangsee zum Teufel. Er macht in Trikotagen und würd es sich verbitten, sich von T, O, L und S zu Gedankenexperimenten verführen zu lassen: „Det Jeschäft wär richtig!“ (womit er genau das Gegenteil meint); Fragen sind unnötig, vor allem jene nach dem Woher und Wohin (Ahlbeck!). Und der Mond? Ach. Nachts schläft der Mensch (wenn da nicht der Hahn wäre). Leider schwimmen Giesecke in Sachen Hemdhose (Modell „Apollo“, hinten zu knöpfen) grad die Felle davon (a propos: auf dem See pfeift der Dampfer, ganz nah). Er führt einen Prozess auf Leben und Tod gegen seinen Erzfeind Sülzheimer aus Sangershausen, dessen Rechtsanwalt naturgemäss Doktor Siedler ist. Sülzheimers Sohn, der schöne Sigismund (eine einzige Zumutung für Lispelnde), hat sich in Klärchen verliebt, die reizende Tochter des idealistischen und darum bitterarmen Privatgelehrten Hinzelmann. Nach dem leidvollen Anfang hat das Libretto ein Nachsehen: Die Männer machen Pläne (unnötigerweise) und den reizenden Töchtern Avancen. Und mit den Avancen geht’s dann haste nicht gesehn voran Richtung Happy end: Leopold wird energisch, Ottilie verliebt sich in Doktor Siedler, die Rösslwirtin erkennt ihren Irrtum, der schöne Sigismund wirft sich an Hinzelmanns Brust („Vater!“) und der Erzfeind steigt um auf Nachthemden mit Reissverschluss. Am Ende gibt auch der maulende Giesecke seinen Segen: „Alle zu Tisch!“. Man ahnt, es wird das Paprikahuhn aufgetischt (es muss nämlich weg, bevor es stinkt). Aber ach, wie flüchtig ist doch das Glück; hinterm Vorhang zeichnen sich in 3 Teilen à 31 Szenen (macht 93) bereits die Katastrophen ab …


(Foto: Annette Boutellier)



«Ein Ende ist nicht in Sicht»

Zu «Mondkreisläufer», 16.09.2016

T, O, L und S kommen gleich zur Sache: Ein Gedankenexperiment soll’s sein, bei dem unsre Gedanken fein säuberlich zerpflückt werden und an dessen Ende wir nicht nur unsren freien Willen los sind, sondern auch unsre Begriffe und mit ihnen uns selbst. Kein Grund, davonzulaufen! Die Auslöschung bedeutet die Wiedergeburt in der Gemeinschaft. Wir gehen über den grünen Teppich, barfuss, es regnet schwarzes Konfetti. Draussen: das Nichts. O, die „ausgezeichnete Kommunikatorin“, möchte auch dazugehören, drum gibt’s ein Bewerbungsgespräch. S und T befragen sie und leiden gleichzeitig unter der Stimme in ihrem Kopf. Wessen Stimme spricht? Wer geht durch unsern Kopf? Nichts hält und Halt findet man hier nirgends. Wo vorher Gemeinschaft war, sitzen T, O, L und S auf einmal vereinzelt und verloren, sich ihrer Existenz bewusst; einen Namen brauchen sie, nicht Medikamente. Auf dem Seziertische liegen grosse Begriffe als Fragen ausgebreitet. Wer ist unsre Mutter, gab es einen Anfang? Schwindlig wird’s einem, weil sich alles ins Gegenteil verkehrt; Verführung in Geiselnahme, Freiheit in Ohnmacht und Erlösung in Heimsuchung. Man spricht synchron, zu sich allein, Sätze lösen sich auf. Ein Ende ist nicht in Sicht. Die Erlösung ist somit die Heimsuchung ist die Erlösung. In unendlich vielen Akten. Muscheln im Sand sind wir, unser Sein ist nichts als ein Rauschen. Da denkt sich Wilhelm Giesecke was, obwohl er (nach Kartoffelpuffer mit Preiselbeeren) grad erst seine Koffer packt. Er schaut mürrisch (zum Wolfgangsee geht die Reise, leider!).


(Fotos: Annette Boutellier)



Biografie


Gornayas künstlerische Wurzeln liegen in Riga. Sie lebte viele Jahre in Düsseldorf, wo sie Germanistik und Geschichte studierte und anschliessend in Literaturwissenschaft promovierte. Nebst dem eigenen Schreiben hat sich Gornaya in den vergangenen Jahren verschiedenen künstlerischen Projekten gewidmet. Seit 2005 lebt die Autorin in Bern. Während der Spielzeit 2016.2017 ist Gornaya Hausautorin am Konzert Theater Bern und schreibt ein Theaterstück, welches in der darauffolgenden Spielzeit uraufgeführt wird.