ä schwiizergschicht

 

ein italienerin, die seit mindestens 40 jahren in der schweiz ist und grade einen mühseligen einbürgerungstest hinter sich hat, während dem ihr name hundertmal falsch gesagt wurde und eine russin, die ganz fest den schweizer pass möchte und sich hilfe bei der italienerin äh schweizerin holt (ja beresina klingelt).

d schwiiz

jaa

schön

d schwiiz

ja

isch sie

d schwiiz

ja

wär si

d’ schwiiz

ja

-

-

-

also aagfange het ja das ganze alles mit em chuereihe

mit was?

mit dem kuhreihen

eine reihe von kühen?

ja kann man so sagen mit den kühen hat das ganze schlamassel angefangen

weil die kuh die war vor der milch

genau

und vor dem heimweh dass die grundlage der schweiz ist

und auch der russen

und der italiener

und russinnnen

und italienerinnen

und allen

ja

-

-

-

aber die schweizer

INNEN?

die schweizerinnen haben das wie soll ich sagen sie haben es gepachtet das heimweh sie haben es nämlich erfunden

das heimweh erfunden?

ja das heimweh erfunden

das kann man doch nicht erfinden das heimweh das hat man oder hat man nicht

ja aber man hat es nur wenn man weg von zuhause ist

und das ist ja nicht grade jetzt DIE geschichte der schweizer

INNEN

ja

vor allem heute nicht

nein

das ist meine geschichte

ja

meine auch

naja aber wie soll man sagen die schweizer

INNEN

ja, die haben da ein schweizerkreuz draufgemalt auf das heimweh ein bergpanorama und ein paar hirten und sennen und so romantisches zeug was alles andere ausblendete und eben auch die kühe und dann haben sie gesagt so das heimweh das gehört imfall uns weil wir haben die kühe

aha

ja so war das

-

-

-

die kühe sind also der ursprung der schweiz?

kann man so sagen

die waren also vor den menschen da?

nein natürlich nicht, da waren auch irgendwann mal noch römer also italiener eigentlich .. wie ich

auch russen?

ja später dann

später gabs hier russen? geil!

naja nicht so direkt sagen wir eher so in den köpfen

hä?

naja also so als alles schiss hatten dass der kommunismus kommt also dass die sowjetunion hier einmarschiert und sie die leute bespitzelt und fichen angelegt haben über alle die bisschen nicht freisinnig waren und das kann ja viel heissen

die sowjetunion hat sich doch nicht für die schweiz interessiert!? dieses miniländli?

naja es wurden irgendwann so pläne gefunden wo die brücken ausgemessen haben in der schweiz

aha sehr aussagekräftig

und es  gab halt leute - gerade während dem generalstreik die kommunistisch gesinnt waren und man dachte die wollen hier eine revolution machen wie in der sowjetunion und da hat man dann auch gleich ein paar streikende einfach totgeschossen zur sicherheit

wurde aber natürlich nicht aufgeklärt?

nein also die schiessenden militärs wurden in schutz genommen

das übliche

ja

-

-

-

und der lenin der war immerhin einmal da im zimmerwald bei einer schweizer versammlung von kommunisten und hat gesagt ich will eine fette revolution machen überall also auch hier

echt?

lenin war hier?

ja!

geil!

ist aber nichts draus geworden

nein?

nein weil die schweizer

und schweizerinnen?

naja waren eher nur schweizer

mhm

die schweizer haben gesagt nein los mal lenin das ist uns zu krass wir machen da nicht so volles programm das ist zu radikal wir wollen nur bizli sozialismus nicht den ganzen seich

vielleicht besser so

-

-

-

aber wir sollten besser über die kühe reden und nicht über den lenin

ja?

weil das mit lenin also das würd ich nicht sagen bei der aufnahmeprüfung

aufnahmePRÜFUNG?

also bei dem gespräch wo die dann entscheiden wie lange und wie fix du hier bleiben darfst

aber das sind doch historische facts

ja aber

und ist doch hier politische meinungsfreiheit?

ja aber

deswegen bin ich doch hier

ja aber

-

-

aber was?

-

lass uns lieber über die kühe sprechen

-

-

du solltest dort besser über die kühe sprechen

oder die vereine

ja oder die vereine! sehr gut! bist du denn in einem verein?

nein

warum nicht?

ich arbeite wann soll ich denn in einen verein?

naja abends oder

und was für einen verein?

schwimmen? nähen? gemeinnützige arbeit? oder so abendkurse zbsp wo die geschichte der schweiz diskutiert wird und ihre tradition und werte

ah das ist gut

ja

wie wir jetzt

ja wie wir jetzt

-

-

-

okay

-

-

also die kuhreihe

ok

eine reihe von kühen die es da immer gab in der schweiz

ok

und die man ja am abend eintreiben musste oder am morgen oder so

ok

und dazu haben die hirten ein lied gesungen so ein sennenlied mit dem sie die kühe rufen also sie zählen die einzelnen kühe so auf und dann erzählt der senn noch so ein bisschen was aus seinem sennenleben

oder die sennerin?

mhm weiss ich jetzt nicht die kommt da eigentlich nicht vor bei dem heimweh

aber heidi hat doch auch heimweh

ja aber die kommt erst viel später

ok

und sie wurde von einer frau geschrieben

die ziemlich berühmt war

ja?

johanna spyri

ok

aber nicht so berühmt dass sie in den schweizer dokumentationen über die geschichte der schweiz vorkommt

nein?

auch 2012 nicht beim schweizer fernsehen da kamen nur wichtige männliche protagonisten vor

ok

zwingli und so halt

ja

der zwingli

und so tell leute

ja

-

-

-

und die frauen haben sich dann beschwert und gesagt moment mal das ist doch nicht DIE geschichte der schweiz wo sind denn da die frauen

und?

die antwort war: «.. man habe die Frauen, die die Schweizer Geschichte im Hintergrund prägten, nicht in den Vordergrund rücken können, weil man damit das Publikum nicht abholen könne.»

lässig

ja

2012 war das

lässig

ja es gab aber dann ein rahmenprogramm mit frauenfiguren

juhu

-

-

aber das solltest du nicht sagen sowas du solltest über die kühe und das heimweh sprechen und solche sachen

ok

-

-

jedenfalls die sennen haben mit dem kuhreihen die kühe herbeigerufen und haben deshalb den kuhreihen sehr lieb gehabt

ok

und dann waren sie söldner in kriegen von anderen mächten

ui!

ja die wurden tausendfach als kanonenfutter verschickt

ui!!

ja davon kriegt man auch nie so was mit in den geschichtsbüchern. jedenfalls haben die immer den kuhreihen gesungen in der ferne und sind dann ganz traurig geworden und melancholisch so dass man eben dann rausgefunden hat dass es diese krankheit gibt das heimweh

nach den bergen und den seen und den kühen

genau

und das wurde dann verboten das die das lied singen

warum?

naja weil die dann nicht mehr kämpfen wollten sondern nur melancholisch rumlagen

verständlich

ja

eigentlich ganz cool, die haben damals schon ein neues anderes männerbild geprägt

ja damals…

-

-

und was singen die genau da in dem lied?

sie singen komm du weisse komm du schwarze und du rote danach und am schluss die mit dem stern

die mit dem stern?

ja weiss ich jetzt auch nicht so genau was das bedeutet

die schwarzen und die roten und der stern? echt jetzt?

ja

das kann man doch nicht einfach so singen ohne… vielleicht war das eine geheime rassentheorie? ein aufruf zur revolution? der anfang der sozialistischen revolution?

meinst du?

die roten und die mit dem stern??????? die weissen zuerst??? also ich weiss nicht dass kann man doch nicht einfach so sagen ohne an … da ist eine geheime message drin!! so hört her das ist nicht gerecht, die weissen kommen immer zuerst dran, merkt auf, da stimmt doch was nicht! wehet euch ihr unterdrückten!

meinst du?

könnte sein

ja könnte sein

das wäre ja dann also

das wäre

das wäre ziemlich geil!

ja!

die sennen haben heimlich eine revolution ausgerufen!

wie bei tell später auch!

aber war tell sozialist?

puh ich weiss jetzt nicht

naja er hat sich für die rechten der armen leute eingesetzt

ja aber

heldenhaft

ja heldenhaft aber

aber weisst du die ganzen brüder die da auf dem rütli geschworen haben das kam nur weil die frau von dem einen gesagt hat du ihr müsst doch jetzt was machen und du bist doch ein richtiger mann der das nicht auf sich sitzen lässt wenn die obrigkeit so fies zu allen ist und ich hab dich doch geheiratet weil ich das an dir toll finde und so und ich würd ja

also die frau wars

ja frau stauffacher

geil

frau stauffacher

warum gibts keine statuen von der?

weiss nicht

naja dafür wurde dann kurz darauf das frauenstimmrecht eingeführt

stimmt

war ihr verdienst eigentlich

ja

weil die nach dem rütli gesagt hat los emal stauffacher my man das ist einfach nicht so geil wenn ich hier so die inputs gebe für euch und ja ich weiss meine rolle ist zuhause und so voll viel verständnis für dich haben und so aber dann räumt ihr hier die ganzen preise ab? und vor allem: ihr schwört ohne uns.. wir kommen da einfach gar nicht vor. das ist bizli unfair if i may say so.

ein freies volk von brüdern oder wie war das

rütlischwur here we go: Wir wollen sein ein einzig[9] Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.

Frei wie die Väter waren los emal Tell sagte die stauffacherin da komm ich nicht vor und meine mama nicht und wir alle nicht das ist doch bizli blöd oder nöd?

ja das sagte die stauffacherin und würde berühmt damit!

ja?

ja! und spät aber doch kam sie zu ihrer ehre spätestens als dann das frauenstimmrecht eingeführt wurde

1871

genau

ist schon recht spät

ja ziemlich

aber immerhin

noch vor der sowjetunion

und deutschland

die erst eine fette revolution brauchten um das durchzusetzen

nein die schwiizer brauchten nur tell

also stauffacherin

genau

und dieses “ein einzig volk von brüdern”

womit die schweiz sich bis heute präsentiert

tell also indirekt die stauffacherin die die schweizerINNEN in die freiheit führten weil sie so mutig waren und weil das so tief tief drin ist in uns allen also in ihnen den schweizerInnen haben wir das auch nie wieder vergessen

nein

und wir sind dankbar dafür

korrekt

und bewundern die schweiz

korrekt

denn wo immer ein land unfrei mit seinen menschen umgeht

setzt sich die schweiz ein

ja

denn die schweiz kann es sich leisten

genau

und setzt den standard hoch für alle anderen länder

die schweiz ist gegen krieg

ja

immer

nach wilhelm tell nie wieder

genau

und der schlacht von morgarten

genau!

die es vielleicht gar nicht gab aber das ist egal hauptsache alle strassen heissen so und wir haben was zu erzählen

richtig

vom tell

der - zitat von der seite tell.ch - in unserem gedächtnis einen angemessenen platz frei gehalten bekommt. denn der kampf der freiheit geht weiter. wo immer auf unserer welt die freiheit der menschen unterdrückt wird, lodert der wille für freiheit der menschen auf und fordert das ende ihrer tyrannenmacht

fragt sich nur wieso das ausgerechnet die svp für ihre rassistische und sexistische machtpolitik nutzt!??? und ab und zu so bands einlädt an ihre parteitage die willy tell heissen.

ich glaube die svp die hat einfach nicht verstanden worums hier geht

und weil wir alle so tief in uns drin die glaubenssätze der stauffacherin haben die die basis der schweiz legte als frau

worauf die schweizer und schweizerinnen stolz sind seit jahrhunderten

ein vorzeigeland

jawoll

weil das so ist ist die svp auch keine reale gefahr ich mein wer wählt die schon

genau

die schweiz ist ein vorzeigeland ein revolutionäres vorzeigeland

und deshalb bleibt sie auch immer neutral

-

-

-

-

ähm

richtig?
-

-

-

ist das eine fangfrage?

-

-

-

nein ich

-

sag einfach ja sag ja falls die das fragen bei der aufnahmeprüfung

-

-

stolz neutral zu sein

genau

und punkt

da lieber nicht tiefer drauf eingehen

ok

sonst gibts noch fangfragen

-

-

ok

-

-

die schweiz bleibt neutral ist neutral weil ihr die freiheit der unterdrückten am herz liegt wie eh und je

genau

und wenn so machthaber aus anderen ländern kommen die ihr volk unterdrücken und dann bei der schweiz einschleimen kommen zbsp weil sie waffendeals machen wollen

zum beispiel

dann sagen die sauberen schweizer mit blick auf tell hinter dem die stauffacherin winkt

vergiss es boy!

freiheit der brüder

und schwestern

got it?

genau

die ist uns wichtig da machen wir nicht mit bei euch bei dem krummen zeug was eure männer

und frauen

ausbeutet

korrekt

geh deinen dreck woanders waschen

haben die schweizer ja auch im zweiten weltkrieg gemacht

genau

und das hat sich dann auch auf die konzerne ausgewirkt bis heute

die haben gesagt

jawoll

machen wir nicht mit bei der ausbeutung der anderen

nein nein nein

einig volk von brüdern

und schwestern

kein assischeiss mehr seit tell äh stauffacherin!

GOT IT?

und deswegen dürfen auch alle herkommen

weil die schweiz weiss wie sehr viele menschen unter staatskonstruktionen zu existentiell zu leiden und bangen haben die nicht ihre basis auf der idee ein freies volk von brüdern und schwestern hat! vor allem von schwestern nicht.

genau

und die schweiz wurde zum land das am meisten flüchtlinge aufnimmt

ja!

wir haben das geld wir können uns die freiheit der menschen leisten wir glauben an die freiheit der menschen

seit der stauffacherin

und wir verurteilen alle alle alle die das nicht tun und die menschen wie hunde behandeln wie es einst die landvögte taten die nur darauf aus waren mehr macht zu haben und da waren halt ein paar menschen im weg

wir stellen uns hin und sagen nein nein nein ich mache keinen knicks vor dem hut der anderen reichen

jawoll!

auch wenn ich von ihnen abhängig bin!

jawoll!

irgendwo muss ja auch einfach mal eine haltung bezogen werden eine grenze gezogen und gesagt werden so geht das einfach nicht das sind nicht die werte die wir vertreten wollen

Genau!

wie es einst die stauffacherin zu ihrem mann sagte und damit den rütlischwur auslöste

und nach der der platz in zürich benannt ist

der stauffacherinplatz

und deren statuen

die statuen einer starken für die freiheit aller aufbegehrenden frau

überall zu sehen ist

und ein vorbild ist und bleibt

für junge frauen und männer und alle

die sich für eine bessere welt einsetzen

 


sie sind ganz gerührt.


schön die schwiiz

ja

so schön

so  schön schön schön

chönts si

-

-

-

-

-

-

-

-

-

-


to be continued, that thinking.

MEIN LEBEN IST KEINE GRILLPARTY äh SALATBAR

 

Eine Frau tritt auf. Am besten in einem anti-pastell-Kostüm, was richtig mega viel Platz braucht; eben so BÄM macht nicht so ähm ich bin imfall auch noch hier und sehe hübsch aus. Zum Beispiel so ein Fleischkostüm wie es Lady Gaga hatte. Das wär geil. Kann auch was anderes sein. Es darf aber nicht lächerlich sein. Sie soll endlich ernst genommen werden müssen.

weisst du in diesem theaterstück da wurde mal gesagt das leben ist keine dauerekstase sondern vielleicht eine mittelmässige grillparty man hat sich mühe gegeben und so es gibt würste und salate

und klar war das irgendwie ironisch und alle haben gekichert hihi weil das so ein hübsches bild ist
aber weisst du mich hat der satz so unendlich traurig gemacht
so unfassbar unendlich traurig
und in meiner kehle und in meinem herzraum ist es so ganz eng geworden und in meinem kopf hämmerte es nein nein nein wie mit einer axt auf metall
nein nein nein
das darf darf darf nicht sein so werden so bleiben nicht bei mir
und weisst du dann schau ich auf die bruchstücke die mein leben ausmachen und die man erzählen wenn man ein buch über mich schreiben würde
die herausragenden glitzerpunkte und die die ganz tief tauchen ins dunkel hinab wo man auch mal in die schwärze einer seele reinschauen kann weil das braucht man ja auch in so einem guten buch äh stück äh leben von einer ganz normale person wie du und ich weil man dann sagen kann jaja es ist ein auf und ab und ohne tiefen fall gibts kein grosses glück sonst schätzt man das ja nicht das glück wenn das dann mal endlich um die ecke gebogen werden wird
und alle sind erleichtert weil es irgendwie eine strukturelle erklärung gibt die irgendwie sinn macht warums nicht so läuft wie man eigentlich will dass es läuft

und dann denk ich
könnte auch ganz anders sein
könnte eigentlich auch ganz anders sein
diese bruchstücke
die mein leben heissen
könnten ganz andere sein
und immer wieder andere sein
die wieder andere geschichten erzählen
jeden tag jedes jahr jede zeit des jahres jedesmal wenn der tag zur nacht wird und es blau
wird und alles möglich wird in der ruhigen tiefe dieses blaus
und das war kein beunruhigender gedanke
nein
das ist sehr sehr befreiend

weil weisst du
auch wenn der grill und schon gar nicht die grillzange nie so wirklich in weiblichen oder weiblich genannten händen war
oder zumindest nicht offiziell
sondern ihre hände und damit ihr sein (ihre hände waren ja sehr lange sehr viel von ihrem sein) bisher eher zu den salaten zugeordnet wurde also zu der beilage später dann
fitnessteller genannt
ist das leben als netter abend am grill das GEGENTEIL von allem was ich mir wünsche für mein leben

und wenn überhaupt hätten wir gesagt haben müssen
das leben ist keine salatparty
oder keine salatküche
wobei das wieder so nach vergangenen zeiten klingt so nach äh 10er bis 80er
und ja leider muss man da ganze jahrzehnte zusammenfassen und in einen topf werfen weil das so saulangsam vor sich ging all das
ich sag nur frauenstimmrechtseinführungsextremverspätung

1971
und heute noch immer auf RANG 20 der internationalen gleichstellungshitlist
die superreich-schweiz
das muss man sich mal reinziehen!
hilft manchmal eh ganz pragmatisch ein paar zahlen zu inhalieren
zum beispiel wenn wieder irgendjemand tatsachen wegdiskutieren will als ginge es um geschmäcker

1971
bitte einmal kräftig reinziehen
aber bitte nicht verschlucken versticken und zusammensacken davon
weil wir brauchen euch noch
wir brauchen euch mehr denn je in vereinter kraft
denn vorbei sind sie die zeiten der pastellfarbenen nachtischtischchens die dann zu salatbars wurden schön gesund und hübsch vorbereitet und alle haben freude weil schön gesund und hübsch vorbereitet und man kann äh soll auch ohne fleisch und alkohol und nikotin und kohlenhydraten und vollfettprodukten spass haben
und dafür eben länger gut aussehen
müssen
für mehr erfolg im beruf und im privatleben
weil mal ehrlich
wir haben es einfach einfach einfacher wenn wir gut aussehen
das ist einfach einfach
das ist einfach so

ach gott jetzt werd ich vor wut ganz zynisch und eindimensional bitte entschuldigen sie die wut ist schon recht alt und alte wut wird irgendwann zynisch und bitter weil niemand ihre frische süsse schätzte als sie noch jung war was sie verwirrte weil sie nicht so recht ernst genommen wurde obwohl sie so frisch daherstrahlte und dann verging die zeit und plötzlich wandten sich ihr alle zu und sagten huch jetzt wirst du aber bald alt und wenn du alt bist will dich dann niemand mehr also hopp und sie war noch mehr verwirrt und schlussfolgerte dass sie sich selbst nicht genügt und wurde auch noch wütend auf sich selbst die wut also war sie dann doppelt wütend die wut also wutwut sozusagen und sie wurde lauter weil wutwut lässt sich schlecht alleine haushalten äh aushalten aber die leute sagten psst nicht so laut das gehört sich nicht und also wütete die wut wütend in sich selbst hinein und lächelte aussen rum was die wut natürlich noch grösser machte weil so eine wut die lässt sich nicht gerne wegdrücken in den unterbauch vierstellig mindestens war sie jetzt die wut wut wut wut und drehte sich im kreis bis ihr schlecht wurde und also nahm sie ein bittermittel das half einigermassen gegen die übelkeit die bitterkeit half die bitterkeit war das einzige was ihr ermöglichte weiter zu leben auf dieser grillparty die nicht ihre war

nein mein leben ist keine salatbar
und nein ich spiele heute keinen salat nein bitte nicht ich bitte dich gib mir ein anderes kostüm mach dir ein anderes kostüm ich nehme das ANDERE KOSTÜM äh ALLE ANDEREN KOSTÜME weil ich hab jetzt vorerst mal nichts mehr mit gemüse oder zuckersüssem nachtisch ohne zucker zu tun in so einem stück äh buch äh leben (ausser es ist bei sofia coppola aber das ist ein anderes thema das ist eine aussergewöhnliche aussergewöhnlichkeitsausnahme) und zwar weder als beilage oder deko noch als hauptgericht was so tut als stünde es im mittelpunkt weil es jetzt grösser ist und ein bisschen mehr in die mitte des tellers darf aber immer noch dasselbe grüne zuckerfreie kackzeug ist NEIN ich bin das hauptfleischstück das herzstück die niere das hirn der bauch und das geschlechtsteil davon ICH BIN ROTES FLEISCH VON MIR AUS SOGAR WURST (ICH HASSE WURST ABER ICH BIN ZU KOMPROMISSEN BEREIT)

DIE ZUKUNFT IST GROSS SAGTEN SIE WÄHREND SIE DAMALS AN DIESER GRILLPARTY AN MEINER SALATBAR STANDEN MIR IHREN ZIGARETTENRAUCH INS GESICHT BLIESEN UND HERUNTERLÄCHELND MEINEN MIR ZUGETEILTEN SALAT HONORIERTEN ALS HÄTTE ICH SOEBEN DAS LETZTE EI DES JAHRHUNDERTS GESCHISSEN ALS WÄRE ES MEINE BESTIMMUNG NUR DINGE AUS MIR RAUSZUSCHEISSEN DIE MAN MIR EINGEPFLANZT HATTE

WELCHE ZUKUNFT? DIE IN DER DANN IRGENDWANN ALLES BESSER IST UND WIR ENDLICH AUCH AUF DEM GRILL BRUTZELN ÄH DEN GRILL BRUTZELN? DIE FÜR DIE ICH INTELLIGENT ARBEITE SCHÖN BLEIBE JUNG BLEIBE SPORT MACHE UND KINDER ALSO ARBEITE ARBEITE ARBEITE WEIL DANN EINMAL SPÄTER ALLES BESSER WIRD WENN MIR DANN IRGENDWANN MAL EIN MODERNER DIE GRILLZANGE AUSLEIHT SOLANGE ICH NOCH GRILLFÄHIG BIN? HÄ? WANN DENN??? WANN?

UND JA. WIE IMMER HEISST WANN AUCH WO.


Das ist eine Grussbotschaft an den Heimsalon und Bern und alle alle alle!

 

(zum laut vorlesen)
(dazu oder sagen wir DANACH am besten folgendes Lied hören: Idris Muhammad: Could heaven ever be like this) (ist zwar von einem Mann, aber wir haben ja nichts gegen Männer und wollen auch niemanden ausschliessen, es geht nur darum sich mal ein paar Räume oder sagen wir: alle Räume zu erobern als Frauen, so dass es bald nicht mehr speziell ist, wenn in einem Stück nur Frauen vorkommen oder wow auch Leute mit anderen Herkünften, Körpern, sexuellen Orientierungen und Hautfarben, wow so speziell wow. Selbstverständlich sollte das sein. Und da gibts auch wirklich kein einziges Argument dagegen. Und das Lied das hat so diese Energie, die ich mir Wünsche für die Frauen zum Beispiel und dieses Moment im Stück am Ende (ja wir fangen hier jetzt mit dem Ende an), wo die alle alles stehen und liegen lassen und sich dem Strom anschliessen, der aus der Stadt hinaus zieht in den Wald und dann oben auf den Wipfeln der Bäume sitzen und sich endlich stark und frei fühlen (dürfen), weil sie so viele sind, dass niemand sagen kann ähm nein das ist nicht angebracht, ähm nein das macht man nicht, ähm nein komm wieder heim bitte oder ich ruf die polizei (hihi, die polizei gibt es nicht mehr). Und weil das Lied so die Poren öffnet im Herzen und im ganzen Körper und farbiges Licht reinlässt und Energie freisetzt, die positiv und gütig ist und auch weil sich das Lied aufbaut, die volle Kraft erst entwickeln muss.

Und ja, wenn man - wie ihr es vielleicht tut - sich fragt, wie ich schreibe, was mich inspiriert, mir hilft, für Ryhthmen und Atmosphären in Texten, dann war das jetzt auch schon eine kleine Antwort drauf. Ich höre sehr viel Musik und hab immer Playlists für die Sachen, die ich schreibe. Musik öffnet mich und bringt Gedanken in Fluss und Energien von klein zu gross.

Ach Gott jetzt hab ich schon fast alles vorweggenommen, aber so ist das, das Denken ist nicht linear, sowie es Lebensgeschichten auch nicht sind. Es ist eher alles wie so wenn man durch ein Mikroskop guckt und irgendwas vom menschlichen Körper anschaut und man sieht so die Zellen die sich rumbewegen und zueinanderhinbewegen und dann wieder woanders hin und alles beeinflusst irgendwie alles, aber man kann rückwirkend nicht mehr so ganz genau sagen, was zu was geführt hat, weil alles in Bewegung ist, innen und aussen. Darum geht es auch in dem Stück. Die Frage wer beeinflusst wen wie, wie wird das Netz gewebt, dass uns schwach und alleine macht oder eben auch umgekehrt: dass uns stark macht, einen guten Virus verbreitet und (gemeinsame) Bewegung freisetzt.
Jetzt hab ich das wichtigste schon gesagt aber ich fang jetzt mal an mit dem Anfang oder der Mitte oder ach ich weiss auch nicht mehr, was das jetzt ist.

Hallo alle!
Ich freue mich sehr, dass ihr euch für meine Texte interessiert! Und ich freue mich auch sehr, zu hören, was ihr darüber diskutiert. Es ist nämlich überhaupt ganz und gar nicht so, dass der Austausch mit sogenannten nicht-ExpertInnen nicht supergut für uns Theaterschaffende wäre. Er ist supergut! Weil wir oder ich kann natürlich nur von mir sprechen: weil ich ja schreibe für viele Leute. Ich will, dass viele Leute, alle, das sehen können und was davon mitnehmen. Und sich dann eben zum Beispiel vorstellen, wie so unendlich viele Frauen durch die Strassen gehen, aus der Stadt hinaus und sich überlegen: Wie fände ich das? Was macht dieses Bild mit mir? Warum kennen wir das Bild nicht so? Und warum machen die Frauen das?

Und schon sind wir mitten drin in finde ich zentralsten gesellschaftspolitischen Fragen drin! Weil und jetzt muss ich mal ganz kurz ganz simpel klar polemisch politisch werden (falls ich das überhaupt vorher noch nicht war): Weil es ist NICHT so, dass Frauen dieselben Räume und Rechte haben, wie die Männer. Es ist einfach nicht so. Auch hier nicht in der Schweiz. Die Schweiz ist eh relativ hinten an in europäischen Verhältnissen. Die Frauen verdienen mind 18 Prozent weniger als die Männer, laut Bundesamt für Statistik. Die Sexualität der Frau, die weibliche Lust wird immer noch seltenst thematisiert und kommt in den Schulbüchern nicht vor. Ihr Geschlechtsteil wird dort noch immer als Strich dargestellt. Frauenhäuser sind voll von Frauen, die Gewalt erfahren haben. Psychologische Praxen sind voll von Frauen, die jetzt alles haben dürfen und halt selbst schauen müssen, wie das geht: Familie und Karriere und die sich kaputt arbeiten und denken, sie sind zu schwach, beides zu schaffen, das müsste doch schaffbar sein! Frauen, die alleine leben wollen, gelten immer noch oft als frustrierte alte Jungfrauen, die keinen abbekommen haben. Als ob eine Frau nur mit einem Mann glücklich werden könnte und als ob sie nicht vielleicht aktiv und selbstbestimmt entscheidet, dass sie alleine leben will. Weil sie es cool findet! Ach ich reg mich schon wieder auf! Und weiter gehts: In Theaterstücken und Filmen kommt es erst langsaaaam, dass Frauen auch die Heldinnen sein können, im Mittelpunkt stehen, ihre Geschichte erzählt wird, es um sie geht und sie nicht Beigemüse für den männlichen Protagonisten sind, der bestimmt, wie die Geschichte geht. In Schweizer Tageszeitungen wird nicht gegendert. Das heisst, Leute, die sich tagtäglich mit Sprache beschäftigen, Sprache gelernt haben an Universitäten und die sein sollten, die die Macht der Sprache auf dem Schirm haben, klammern über die Hälfte der Menschheit aus ihren Sätzen aus und tun so, als gäbe es sie nicht. Das muss man sich mal vor Augen führen. Das ist doch absurd. Und das ist keine Rosinenpickerei und auf dem I-Tüpfelchen herumreiten, das geht es nicht um Minderheiten (nicht, dass die weniger wert wären! und nicht auch für sie gekämpft werden müsste!), hier geht es um mehr als die Hälfte der Menschheit!!

Was ich sagen will: Die Gleichberechtigung ist noch nicht erreicht. Die Geschlechtermachtverhältnisse sind nicht ausgeglichen. Auch wenn schon einiges erreicht wurde. Das reicht nicht. Und: das private ist immer noch und wie immer und für immer politisch! Der Alltag, die Sexualität, das, was wir essen, wie wir miteinander umgehen, streiten, kämpfen, arbeiten. Jedes Moment ist politisch und deshalb ist auch jede Person politisch. Und wenn jemand sagt, weisch ich bin nicht so politisch, das interessiert mich nicht, dann finde ich das ist eine absolute Verschätzung und Totalignoration des Ichs in der Welt und allen anderen Ichs um das Ich herum. Das ist schon fast frech, ja, eine Beleidigung des Menschen im grossen Netz.

Und auch deshalb schreib ich. Frauenstücke. Für Frauen und alle alle alle. In denen es um Frauen geht, dass es normal wird, dass es um Frauen geht. Und auch deshalb werde ich am 14. Juni streiken. Hoffentlich mit ganz ganz vielen Frauen zusammen. Und dann wird es vielleicht ein bisschen so sein, wie in meinem Stück am Ende. Alle Frauen lassen alles stehen und liegen und ziehen aus der Stadt hinaus… und dann??

So und jetzt Musik. Wegen dem Pathos. Hihi. Das ist ja auch das geile am Theater: Man kann so gut gesprochenen Text und Musik auch wirklich einfach einsetzen, um eine Message noch deutlicher rüberzubringen, respektive Emotionen anzuregen, Poren zu öffnen damit sich die Ideen besser in die Herzen setzen können. Und ich finde, das wird manchmal vergessen. Dass Theater diese Kraft hat und haben kann.

In diesem Sinne: Ich hoffe, ich konnte irgendwas anregen. Jeder Funke zählt, weil er irgendeinen anderen Funken auslöst und der wieder einer wie beim Blutbild unter dem Mikroskop. Wir alle sind ein Netz. Alle zusammen. Alle alle alle. Und alles was wir tun und sagen, verändert etwas innerhalb dieses Netzes.

Und ja, das ist jetzt ein bisschen sehr politisch geworden hier, aber das ist auch meine Aufgabe als Autorin hab ich hören sagen und unterschreibe ich fett.

Ich freue mich, euch kennenzulernen.

Liebe Grüsse

Julia


es langt

 

“... of all things this was the saddest, that life goes on: if one leaves one’s lover, life should stop for him, and if one dissapears from the world, then the world should stop, too: and it never did. And that was the real reason for most people getting up in the morning: not because it would matter but because it wouldn’t.” Truman Capote


1

ich schlage die woz auf und ein schaudern geht über meine haut in meinen körper hinein das hatte ich zuletzt vor ein paar wochen
als ich diesen film geschaut hab mit dem schrecklichen titel „kein mann für leichte stunden“ (warum ich ihn überhaupt anwählte ist eine andere diskussion wert, nur soviel: manchmal sind hinter sehr schlechten titeln wahre goldgruben versteckt imfall!)

jedenfalls: kein mann für leichte stunden ist ein macho mann der mit dem kopf gegen eine laterne knallt hihi und dann die welt andersrum sieht: alle frauen tun das was typischerweise männer tun und tun müssen und umgekehrt. er wird dann maskulinist hihi und kämpft für die rechte der männer und arbeitet als sexy sexboy-assistent in kurzen höschen für eine berühmte schriftstellerin, die ihn als muse für ihren roman benutzt. und so weiter. und so weiter heisst natürlich dass der mann sich in die schrifstellerin verliebt, und sich nicht so recht unterwerfen lassen will, weil er ja noch die alte welt kennt, in der er der war der bestimmte, wie der laden, die liebe, der sex lief. und das macht ihn so spannend und herausfordernd für sie und lässt sie verstehen, dass sie ja auch mal schwäche zeigen können will blablabla kampf der geschlechter blablabla

jedenfalls: man kann sich über den ansatz dieses filmes streiten aber: ABER AM ENDE, AM ENDE BÄM! am ende haut dir der film die faust in die fresse. am ende knallt nämlich die frau mit dem kopf gegen eine laterne und wacht auf und die welt ist wieder andersrum. also so wie sie eigentlich ist, unsere welt, jetzt. und man sieht nur noch wie sie mit weit aufgerissenen augen ungläubig und überwältigt um sich schaut in the middle of the street. und sieht wie frauen sexualisiert werden, sich in enge kostüme zwängen, ihnen gruusig nachgerufen wird, wie sie demonstrieren dafür, ihre sexualität leben zu dürfen und darum - sie kann es nicht fassen - zumindest gopfertammi annäherungsweise denselben lohn zu bekommen wie die männer. und dann black. film vorbei. einfach so: wäm so ist es, kannst dus auch nicht glauben? tschühüss ich lass dich jetzt alleine mit dem schrecken der wahrheit. einfach aufgehört. einfach unterbrochen. zack. au.

ich hatte schauder bis tief in meine knochen bei diesem ende. weil mir einfach klar und deutlich und ohne umweg, überspitzung, verpackung gezeigt wird wie es ist. und weil man überhaupt nicht darauf vorbereitet ist, dass das gemacht wird.
ich war beunruhigt wie schon lange nicht mehr. meine welt so zu sehen in so einem film von dem ich dachte der wär schlecht. ich stand auf dem sofa auf und musste erst einmal eine zigarette rauchen zum durchatmen (ja ich weiss das es nichts nützt „eigentlich“). und dann dachte ich: das ist jetzt so ein moment, den ich nicht vergessen, verdrängen in eine andere hirnecke oder herzregion verschieben, aufschieben, ausschaffen kann. der erwischt mich so kalt, der lässt mich so knallhart und ohne vorwarnung eine brutale ungerechtigkeit der jetzt-zeit erfühlen, dass ich fast erbrechen muss und weiss: ich kann nichts gegen dieses schlimme gefühl tun, ausser was zu tun. mitzutun, dass das nicht das bild unserer zeit ist und bleibt. oder?

jetzt woz: selbes gefühl, schon wieder. anni lanz, 72-jährige menschenrechtsaktivistin, ehemalige geschäftsführerin von solidarité sans frontières wurde angeklagt, weil sie einem herumgeschobenen flüchtling mit schweren posttraumatischen störungen helfen wollte und ihn von italiens kalten strassen, wo er alleine, krank, ohne geld und dach über dem kopf gelassen wurde, retten wollte. sie wird angeklagt, weil sie einen menschen nicht sterben lassen wollte. vor kälte und verzweiflung. er hatte erfrierungserscheinungen!
der staatsanwalt fands schon nett, was die anni getan hat, er hat auch grossen respekt vor selbstlosen menschen sagt er. aha. aber trotzdem sei es wichtig, dass man menschen auch bestrafe bei geringfügigen straftaten, selbst wenn die selbstlos seien. aha. 800 franken busse und 1400 franken verfahrenskosten muss sie zahlen. hätte ämel dem afghanen, der und die polizistin, die sie an der grenze angehalten habe, habe sie ausgeschimpft sagt anni lanz. gesetz vor moral.

ich lese weiter und es kommt noch besser: die schweiz hat geld gespart. juhui. und zwar dank dem dublin-abkommen. die schweiz, in dem geographiegemäss nicht so viele flüchtlinge erstankommend sind, konnte deshalb über die letzten zehn jahre 30’000 menschen ohne prüfung der asylgründe ausschaffen und sagen du ist nicht unser problem weil die imfall nicht hier als erstes angekommen sind. ups. tschuldigung.
die schweiz hat mehr leute rausgeschickt als aufgenommen, was sie zusammengerechnet zu dem europäischen land macht, was am allermeisten menschen rausexportiert hat. die schweiz ist europameisterin im asylexport! YAY! 1.37 milliarden (!) franken gespart in nur vier von zehn dublin-Jahren, weil wir die probleme anderen unterjubeln und so tun als gäbe es sie nicht. so lässig! wir sind das reichste land der welt. wir haben alles. es langt no lang und für vieles. also wer wenn nicht wir könnte sich menschlichkeit leisten?

ich lese das und schäme mich. ich schäme mich. ich schäme mich in neuen dimensionen einer tiefe für mein land. so richtig tief tief. so schaurig schaudrig tief bis in die knochen hinein. da ist er wieder dieser tiefe schauder, der mich in den letzten wochen immer wieder egreift in tieferen tiefen, wo ich sie nicht mehr mit einem aufmunternden gespräch oder einem bier oder ewigem zynismus hinausschaffen kann. meist nach dem lesen einer zeitung mit fundierter und ehrlicher berichterstattung (die ja auch vom aussterben bedroht sind gopfertammi). es reicht nicht mehr.

WEIL DA STIMMT DOCH WAS NICHT!!!????

gespart im asylbereich? während die ganze welt in not ist? gespart im asylbereich? das klingt wie gespart im äh bausektor. nur dass es im sogenannten asylbereich um MENSCHEN geht. MENSCHEN IN SCHLIMMSTER NOT. die nicht einfach mal alle bisschen herkommen wollen um bisschen von unserem goldigen schockireichtum zu kosten weil sie halt neidisch sind wie gut wirs haben weil wir so viel gschaffet haben dafür während die faul in der sonne lagen. die kommen, weil es ihnen hundsmiserabel geht in ihren ländern. weil sie angst haben müssen weil sie etwas zu laut gesagt, gedacht oder gelebt haben. weil sie zufällig der falschen ethnie oder gemeinschaft angehören. oder zufällig frauen sind. oder zufällig homosexuell sind. oder weil sie ihr hirn eingeschaltet haben und sich einsetzen, dass es besser wird und das nicht gern gesehen wird. die nichts zu essen haben. die keine schule haben oder ihnen ihre diplome verweigert werden, weil sie etwas zu laut gesagt gedacht oder gelebt haben. oder weil sie zufällig der falschen ethnie angehören. oder zufällig frauen sind. oder zufällig homosexuell sind. oder weil sie ihr hirn eingeschaltet haben und sich einsetzen, dass es besser wird und das nicht gern gesehen wird. die schweren herzens und voller mut sich auf den weg machen, in der hoffnung etwas besseres zu finden. zum beispiel menschlichkeit, chancen auf ein leben in würde, in akzeptanz ihrer seins als menschen wie alle anderen auch. die sich verabschieden von ihren zuhauses (falls es die noch gibt), ihren liebsten (falls es die noch gibt), ihren leben (falls es die jemals gab) und sich auf wege voller schlimmster gefahren begeben, hungernd, frierend. ich weiss dass wir das eigentlich alle wissen eigentlich und dass ich hier keine neuen infos bringe aber ich hab das Gefühl man muss das wiedermal sagen! laut sagen! und allen sagen!
niemand macht das freiwillig, gopfertammi!
das macht mich so wütend! es macht mich so wahnsinnig wütend!
dass hierzulande so wenige darüber sprechen!
dass hierzulande so wenige über ihren scheiss eingefleischten tellerrand hinauszuschauen wagen!
dass hierzulande sich so wenige aktiv wissen, was alles abgeht um uns herum! wie meinungen gemacht werden! dass berichterstattungen unzulänglich und einseitig und erkauft sind!
und dass unser reichtum nicht einfach ist weil wir eine brave schaffensnation sind sondern weil wir teil der ausbeuterischen weltverhältnisse sind! dass wir nicht einfach länder ausnehmen und noch ein paar waffen hin exportieren können (pf sollen sie selber schauen mit ihrem Krieg, wir sind schon immer neutral und vernünftig und brav und das zahlt sich aus seht her! nein hersehen nicht herkommen mein ich)) und dann ein problem haben, wenn die ausgenommenen menschen herkommen, weil sie auch was von der fetten wurst haben wollen! oder eben kein problem damit haben dass die halt kommen aber auch nicht hinsehen zu den problemen die die hier haben! wie sie weggesperrt werden, wie ihnen steine in den weg gelegt werden, als hätten sie nicht schon genug davon über die sie stolpern mussten.
oder dass dann wenige wenige theaterleute das so eins zu eins ansprechen auf der bühne und dann sagen alle mhm ja das fand ich jetzt schon bisschen sehr radikal, aber das ist halt der stil von diesem regisseur joaaa mag man halt oder nicht und thats it???????

warum geht keine empörungswelle durch alle reihen? wo ist die unterbrechung? das moment mal?
warum geht das leben immer einfach weiter? warum gehen alle immer weiter normal zur arbeit, in die bibliothek, nach hause zu ihren familien weihnachten feiern wie jedes jahr immer wieder gleich mit vielen womöglich teuren geschenken beladen, weil das haben wir schon immer so gemacht?
warum gehts immer einfach weiter, egal was passiert? trump wird gewählt, ja schlimm schlimm. du ich muss los. flüchtlinge sterben. ja schlimm schlimm, muss aber jetzt arbeiten.

warum machen wir immer einfach weiter?

es isch wegem geld
i see
aber losedsi
das langt no lang
aber s ander
langt nüm

ASO WER WÄNN NÖD MIER?


2

warum sind wir, die wir wissen darum, nicht stärker, GRÖSSER, VERNETZTER?

wo sind wir?
wo sind zum beispiel wir theaterkünstler*innen?
wo sind wir künstlerinnen, wenn Anni Lanz verurteilt wird?
wo ist unsere empörung über die 30’000 menschenleben, die unser land ins ungewisse schicksal ausschafft, ohne zu prüfen, aus welchen furchtbaren verhältnissen diese menschen geflohen sind?
wo sind unsere direkten reaktionen?
es reicht nicht ab und zu auf der bühne eine haushälterin aus dem balkan auftreten zu lassen mit lustigem akzent hihi (gespielt NICHT von einer frau aus dem balkan!)
es reicht nicht die welt für sinnlos zu erklären
es reicht nicht foucault zu zitieren im programmheft nein tschuldigung würkli nöd das hat es noch nie
es reicht nicht zu sagen, ich kann othello nicht richtig inszenieren, weil halt zu wenig farbige schauspieler im ensemble sind, ich machs aber trotzdem auch wenn mich dann halt niemand versteht weil sie alle nicht migrantisch sind die anderen und halt nicht wissen wie das ist puhh
es reicht nicht migrantische regisseure einzuladen, wenn wir dann doch wieder hamlet inszenieren mit nur deutschen spieler*innen (ich mag ja hamlet! aber wie kann der was mit uns zu tun haben jetzt hier heute hallo? bitte!)
es reicht nicht theaterstudenten einmal in vier jahren ausbildung einen kurs „politisches theater machen“ anzubieten und sie ansonsten in selbstreferentiellen badewannen oder überkommen theaterformaten herumdümpeln zu lassen, die unter der ewigen marke transdisziplinarität dann doch als neu gelten, auch wenn sie nicht wissen, was sie genau sind und der student dann beim arbeiten doch patriarchale und sexistische kackscheisse reproduziert und es noch nicht einmal merkt (ja ich rege mich wieder auf!) (nichts gegen diese ganzen neuen studiengänge aber ein paar mal öfter klare politische haltungen zu inhalten und sozialer probenstruktur zu fordern wär wirklich wichtig! wo wenn nicht dort, wo sich haltungen noch bilden?????)
es reicht nicht, flüchtlinge gratis ins theater zu lassen und sagen du wir sind ja offen für die aber die kommen dann doch nicht in scharen (ja gut wenn die stücke auf deutsch sind???)
es reicht nicht einmal im jahr ein stück über migration von jelinek (ich liebe jelinek!)
es reicht nicht ein paar autor*innen und theatermacher*innen die sich den themen stellen als aktivistisch zu labeln und immer dieselben zu den tablerounds einzuladen
und politisches theatermachen so zu behandeln als wäre es ein bestimmter stil, den man sich wählen kann wenn man sich traut aber man kann auch sagen du ich bin mehr der poetische typ oder körper im raum typ oder so (hä??) wie so ein schmuckstück kann man das label tragen oder sich auch gerne für ein anderes design entscheiden je nach geschmack!?
das ist aber kein geschmack das ist eine nötige haltung zur welt, als künstler*in sowieso, die in jedem format und in jeder menschlichen interaktion platz findet und finden muss! alles andere reicht nicht mehr! eifach nöd!

es reicht einfach nicht mehr!
es ist gut und gut gemeint und ich schätze das und ich weiss es ist schwer
und ich bin nicht gescheiter als irgendwer
aber es reicht einfach nicht mehr
die welt geht zu grunde, menschen sterben vor unseren türen
und die meisten kriegen das nicht mal mehr mit

es reicht
es reicht einfach nicht
mehr
brauchen wir
mehr
mehr von den geschichten hören und teilen
mehr reden
mit mehr
mit vielen
mit viel viel viel mehren


das mag alles kindlich klingen und naiv aber ich weiss jetzt was lukas bärfuss (honor!)
meinte vor ein paar jahren, als er gesagt hat, schweizer künstlerInnen seien nicht mehr politisch genug. oder sagen wir: ich wusste es da schon, aber jetzt fühl ich es in die knochen hinein. und ich habe den stürmerischen drang das zu ändern. wir müssen stärker werden, grösser, gemeinsamer. wir müssen uns vernetzen in eine dimension in der wir auch normale fortgänge unterbrechen können, wenn es nötig ist. dass es nicht einfach immer weiter geht.

warum zum beispiel machen nicht alle theater dieses landes (und alle museen und alle kinos und und und) am nächsten samstag mitten in der show einen stop und erzählen von Anni Lanz oder den ausschaffungszahlen? oder lassen einen flüchtling erzählen? oder eine frau in ihren ungleichen verhältnissen? ohne pi pa po und licht und ausstattung die geschichte erzählen auf der bühne auf dass sie ins ohr und in die herzen gehen!?
einfach unterbrechen. aufhören. anhalten. einfach aufhören mit dem weitermachen. film stoppen, stück stoppen, konzert anhalten und reden. so dass alle menschen im ganzen land die am samstag abend irgendwo irgendwas kulturelles (ich wage das wort) konsumieren dasselbe erlebten. was sie verbindet mit allen anderen. bei dir auch so was komisches passiert während dem filmstückkonzi? ja voll. ah bei dir auch? krass. meine cousine auch in st gallen. das müssen ja voll viele sein, die da mitmachen, wenn das überall im land … wer sind denn die? das ist echt jetzt mal ne neue nummer…!?
und das wärs eben!
man fühlte sich verbunden und stark! weil viele! überall! gleichzeitig! aufhören! und: man könnte die aktion nicht abtun als die idee von ein paar „superradikalen“ „politischen“ künstler*innen.
nein das sind viele, sehr viele, vielleicht alle künstler*innen sogar dieses landes, die mit denen wir uns auch gerne schmücken. und wenn erst das theater brennt, zieht das feuer auch rüber zu den anderen häusern oder wir müssen uns was neues überlegen. das werden wir dann sehen.
aber wir müssen anfangen über grosse pläne zu reden und nicht so tun, als würde das alles nicht passieren oder als müssten wir auf die nächsten eingabetermine warten, um ein projekt einzugeben, wsa dann nach zweimaliger ablehnung dann doch gefördert wird und dann drei jahre später auf die bühne kommt, wo die der realpolitische bezug schon lange vorbei ist.
wir müssen anfangen über grosse pläne zu reden statt uns um das schöne herstellen eines schönen dossiers zu kümmern (kümmern zu müssen)
statt bei einer jury um unterbezahltes geld zu betteln
statt sich mit aufsichtsräten rumschlagen zu müssen die sich in ihren sesseln gefallen und nicht aufhören dieselben patriarchalen undemokratischen zustände zu reproduzieren (ich reg mich schon wieder auf! wüki! es gibt so viele gute theatermacher*innen, die so viel kraft und intelligenz und empathie und menschenliebe haben und so viel vom theater wollen und alles dafür tun würden, es möglich zu machen, denen so viele steine in den weg gelegt werden, es ist wirklich zum kotzen traurig)

und das argument
das läuft halt so kann man nüt machen
zählt imfall nicht
weil wenn alle keine schönen dossiers mehr schreiben und niemand gewillt ist für jede eingabe eingabefelder mit anderer zeichenanzahl umzuformulieren und tageweise arbeit investieren dafür die man so gut für andere dinge nutzen könnte
wenn sich niemand mehr an die regel hält dass eine vorstellung so und so ablaufen muss und eine eingabe so und so dann kriegen die geldgeber und kommissionen und die räte alle probleme weil gar keine künstler*innen mehr sich artig bewerben und artig im rahmen bleiben und dann muss nämlich reagiert werden
die schweiz will ja kultur fördern! wir haben ja das geld! niemand kann so schick gefördert so frei seine meinung sagen! ich sag nicht dass das alle die probleme lösen würde, aber es würde uns mal alle freimachen für neue ideen und strukturen. das ist es ja was ich meine: wir müssen einfach mal aufhören alle immer weiterzumachen. wir müssen GEMEINSAM aufhören weiterzumachen. stoppen, anhalten, streiken, verschnaufen, ausbrechen, austauschen, reden. das aua mal zulassen.

warum machen wir es nicht?
isch es wegem geld?

ja! wenn das publikum nüm kommt kommt auch das geld nüm und dann können wir grad aufhören weisch. wir künstler*innen leben am existenzminimun und brauchen alles was wir kriegen können. ich weiss. me too.
i see
aber losedsi

niemand ist so save wie wir
wir werden nie hungern
wir werden nicht auf der strasse sterben
wir werden nicht ins gefängnis kommen für das was wir sagen oder helfend tun (mhm wobei.. siehe oben)
das langt no lang
aber s ander
langt nüm

ASO WER WENN NÖD MIER?


3

das alles meint kein früher war alles besser und keine romantisierung der armut von uns künstler*innen
nein und nein ich habe nicht lange darüber nachgedacht was ich hier schreibe und nein ich kann jetzt grad nicht im detail sagen wie ich mich einordne im diskurs politischer kunst seit den 60er Jahren oder seit wann ich mich als feministische autorin bezeichnen würde und inwiefern ich institutionskritisch bin oder mich der freien szene zuordne obwohl ich auch am stadttheater … ob ich politische künstlerin hab als label oder nicht
I DON’T CARE!!!
ich hab einen impuls verspürt
und losgelegt
ich will meinen arsch hochheben und mich den ungemütlichen dingen stellen
und ich will mit euch darüber reden uns austauschen überlegen was wir tun können und müssen
und vor allem:
zusammen stark werden zusammen rausfinden zusammen sein zusammen tun! sich treffen, austauschen, in kontakt sein, damit wir landesweite unterbrechungen hinkriegen! o.ä! schweizer netzwerk politisch aktiver künstlerInnen!
kurz SNPAK
oder schöner
S’PAK!

hiermit gegründet.

S’PAK wer macht mit?
i mean it! who’s in?
wer hat auch grad wieder öfter diesen schauder und immer tieferen?
wer weiss und will auch nicht allein und meint gross?

JOIN ME PLEASE IMPULSIVE OR NOT und WEBEN WIR DAS NETZ! IMMER DICHTER! UND LEGEN WIR ES ÜBER DIESES LAND!

es ist ja eigentlich alles schon da
und wir kennen uns doch alle schon in diesem kleinen land
wir haben doch alle unsere handynummern und emailadressen!
oder unsere freunde oder spätestens die freunde der freunde haben die handynummern und emailadressen!
garantiert!
wir alle haben doch mit allen irgendwie schon geredet geküsst oder geschlafen und der die das ist befreundet mit der die das dem bruder oder spätestens der cousine ja eh! i mean it!
wir kennen uns ja alle schon
wir sind ja schon ein netz
wir müssen es nur aktivieren
es langt

und das hier
das ist ein anfang
ein lächerlicher vielleicht
aber einer
der die frage wer bist du schon? was kannst du kleines mensch schon? aushebelt und aus dem repertoire streicht

was noch?

mail me!

spak@gmx.ch


Was für ein Leben eine kleine Ode an die Beiz

 

Kaffeeklatsch
Klatschnerv
Nervliebe
Liebestod
Todeserbse
Erbsenprinz
Prinzentraum
Traumaufwach
Aufwachkaffee

Mittagspause
Pausenabenteuer
Abenteueraugen
Augenaustausch
Austauschsaft
Saftverkehr
Verkehrspanne
Pannenflucht
Fluchtmittag

Kuchenvitrine
Vitrinenscan
Scanmagen
Magenwunsch
Wunscherfüllung
Erfüllungübertreibung
Übertreibungsfurz
Furzkuchen

Feierabendbier
Bieralltag
Alltagskrise
Krisenausbruch
Ausbruchsdrang
Drangverlorenheit
Verlorenheitskollegen
Kollegenfeierabend

Trinkspruch
Spruchnot
Notpose
Posenhirsch
Hirschkuh
Kuhfleisch
Fleischeslust
Lustangst
Angstdrink

Tafelrunde
Rundenmüdigkeit
Müdigkeitsignoration
Ignorationsweisswein
Weissweinhoch
Hochzeit
Zeitnot
Notsex
Sextafel

Familienznacht
Znachtritual
Ritualkind
Kinderbakterien
Bakterienspaghetti
Spaghettikotz
Kotzfamilie

usw.


Eine neue Ähra

 

Bin gleich wieder da.
Ich hole nur schnell die Requisiten vom Progr rüber.
Sag ich.
Guten Mutes und ohne zu ahnen, dass das gar nicht so einfach werden wird.
Ich komm unten schon wieder rein da seitlich bei der Glastür oder?
OUU nein das ist schwierig. Sagen die TechnikerInnen. OUU ähm du kennst dich nicht aus im Haus hier? Aha!
Fragen sie, als ob sie nicht wüssten, dass sie mich noch nie gesehen haben im Leben und wir gerade zum ersten Mal zusammen arbeiten.
Wobei…

OUU das ist wüki nicht einfach. Mhm.. also am besten.. also Treppe runter dann links, dann rechts, dann links, dann hinter der Bühne durch oder warte, proben die gerade? Du da müsst ich schnell jemanden anrufen.
Nein nein. Ich winke ab. Schon gut, ich schaff das schon.
Das wird doch nicht so kompliziert sein. Denk ich mir. Typisch Stadttheater. Gross und kompliziert wenns doch auch einfach ginge. Denk ich mir vorurteilsbeladen wie ich freie Szene-gewöhnte, -verliebte und -geprügelte dann doch bin.
Ausserdem war ich schon mal hier so vor zehn Jahren ungefähr. Ja da hab ich mal ein Praktikum hier gemacht. Hab ich vorhin auch allen schon rumerzählt so zum connecten. Also dass ich jetzt sozusagen nicht ganz neu bin hier sondern eher so back to the Roots oder so irgendwas.

Ich werde das schon finden, sag ich stolz und selbstbewusst und weiss, dass die das auch ein bisschen von mir erwarten so eine Art Haltung.
Auch vorhin, als ich ankam und 2 LichttechnikerInnen und 2 Tonmenschen bereits seit fünf bis zehn Minuten darauf warteten von mir, die natürlich fünf bis zehn Minuten zu spät war, klare und zielgrade Anweisungen zu bekommen für das Einrichten.
4 TechnikerInnen nur für mich! Wow! Okay! Never had THAT before.
Und diese vier TechnikerInnen arbeiten jetzt also da für meinen Abend und klettern im Raum herum und rufen mir zu also bis gleich und dies ein bisschen skeptischer als ich mir das gewünscht hätte nach meinem selbstbewussten und stolzen Bis Nacher!
Als ob das so schwierig wäre! Come on! Der Progr ist 400 Meter entfernt! Maximum!
(Das ist ja auch das tolle hier in diesem kleinen Bern: alles next door, alles befreundet oder sonstwie verbandelt jaja)

Hinweg: no Prob. Hab ich doch gesagt.
Dann Rückweg, diesmal beladen mit 4 Wolfsmasken und einem grossen Plastikgartenzwerg (warum, das erklär ich ein andermal: nur soviel: Ich habe diese Sachen schon von Zürich nach Kalsruhe nach Köln nach Zürich nach Berlin nach Zürich nach Bern geschleppt und JEDESMAL aber wirklich JEDESMAL wenn ich damit unterwegs bin REGNET ES. Und ja, die Masken sind aus PAPIER und ja auch jetzt regnet es!)
Ich werde von Bauarbeitern angequatscht hast deinen Mann dabei he? Dein Plastikmann?
Hehe.
Jaja immer dabei den Mann sag ich
und denk mir die haben eigentlich schon ganz schön viel verstanden von dem Grundkonflikt von dem Stück was wir gleich präsentieren werden, schade kommen die nicht.
Ich überleg mir kurz die einzuladen, schliesslich bin ich für alle ins Theater und Theater für alle egal wo, aber dann bin ich auch schon vorbei und steuere auf den Bühneneingang zu.
Das weiss ich nämlich noch von vor zehn Jahren: Das man dann da so hinten reinkann in das angsteinflössende Riesengebäude. Natürlich. Logisch. Loge.

Hallo!
Hallo?
Die Frau an der Loge schaut mich skeptisch an, aber nicht so als wär sie emotional involviert. Eher so: noch nie gesehen die Person aber ist mir auch egal weil es steht etwas wichtiges auf dem Zettel den ich gerade lese und der braucht meinen ganzen Fokus. Sie fragt mich auch nicht wohin ich will und schaut mich - nachdem ich stehen bleibe und darauf warte, dass sie mich nach einem MitarbeiterINausweis fragt oder sonst irgendwas check-mässiges - fragend an wieso ich denn nicht einfach reinlaufe. Ich bin fast ein bisschen enttäuscht weil so eine Loge das ist doch schon was also das ist also wenn man schon sowas hat so eine Grenze äh nein ein WIE SAGT MAN DEM ein Sicherheitscheck ein äh ein Ufpassen das nicht einfach jeder und jede hier reinlatscht (da hätt ich ja isi die bauarbeiter gleich mitnehmen können) und nur weil ich so ein paar Masken trage heisst das ja noch lange nicht dass

ok
wahrscheinlich sehe ich aus wie eine Kostümassistentin
ich setze also auch ein gestresstes Gesicht auf
ein Assistentinstressgesicht
das kann ich das kenn ich von früher von hier
Und sage: ich muss DRINGEND in die Mansarde.
Sie sagt: aha. gut.
Aha? Gut? Sie fragt nicht mal wer ich bin? Ob ich da hin darf kann soll es überhaupt ERLAUBT ist für mich. Ich bin wirklich enttäuscht. Ich dachte immer das ist so ein Bollwerk, so ein Palast, so ein untouchable VIPdings so ein du kommst da nur rein wenn du den und den kennst diese Hütte äh also dieses Stadttheater. ABER NICHTS!

Und nicht mal als ich frage wie komm ich denn dahin bitte? Und sie merkt, dass ich keine Ahnung von dieser äh Hütte habe
sprich neu hier bin
(also fast)
nicht mal dann wird sie irgendwie skeptisch
ICH MEINE ICH KÖNNTE EINE EINBRECHERIN SEIN?
EINE SPIONIN? (remember.. freie Szene..)
EINE BRANDLEGERIN EINE REVOLUTIONÄRE ZELLE EINE
Wobei, ok wer bricht ins KTB ein? Wer würde einen Flächenbrand auslösen wollen?
UND WOZU?

An dieser Stelle eine kleine Beichte: Ich habe tatsächlich was geklaut an diesem meinem ersten Tag. Und zwar eine Ähre. Ja eine Ähre. Eine FAKE-ÄHRE. Eine Fakeähre aus einem Fakeährenstrauss, der in einer Kiste in einer Ecke in einem der alle sehen gleich aus-Gänge im 1., 2. oder 3. UG (das ist es ja! so viele UGS!) stand und zu mir sprach: Nimm mich mit! Ich bin alles was du nicht willst und ich werde dich immer daran erinnern!

Ich hoffte wirklich dass die von der Oper ist. Nichts gegen die Oper. Aber da bin ich nicht so emotional involviert wie beim Theater. Und da sind die emanzipatorischen Treppen noch nicht so richtig weit hochgestiegen worden, als dass man die übelst wieder runterfallen könnte. (JA DAS IST EINE AUFFORDERUNG)

Ich hoffe wirklich dass die von der Oper ist diese Ähre.
Denn wenn ich mir vorstellte, dass ein Stück gespielt würde, in dem eine Fake-ÄHRE, also eine ÄHRE AUS PLASTIK MIT FARBE DIE SO HERGERICHTET WURDE DASS SIE MÖGLICHST SO AUSSIEHT WIE EINE ECHTE ÄHRE AUS EINEM ECHTEN FELD AUS DER REGION FÜR DIE REGION
dann würde mir der schweiss definitiv runterlaufen aus allen Poren auf den Boden des 1. 2. oder 3. UGs. Denn das würde so in seinem ganzen Wesen allem widersprechen woran ich im Theater glaube oder eben: alles repräsentieren, was ich am sogenannten klassischen Repräsentationstheater nicht mag und warum ich zehn Jahre auf anderen Booten segelte. Okay wenn eine Person dafür bezahlt wird und dafür einen Job hat, dass sie so Ähren bastelt und anmalt, dann ok. Ein proletarisches Ok.
Aber wozu eine Ähre auf der Bühne? Noch dazu eine falsche? Wer sollte das tun? UND WOZU? Wozu ausformulieren? Abbilden? Geld investieren für ein Abbild von etwas, was da draussen vor der Tür vor dem Fenster steht und ist? Man könnte doch einfach rausgehen? Oder zu einer Gabel sagen: Hallo, meine liebe Ähre? Oder zu einem Nichts in der Luft: Schau da die Ähre? Und voila! Geld gespart und Phantasiemuskel trainiert. Merci.
Ausserdem und das ist es eben: WER sollte eine Ähre über die Bühne tragen? Was für eine Abbildung von einem Jetzt-Mensch würde durch eine Fake-Ähre anständig repräsentiert??
Eben.

So hoffte ich da im 1, 2, oder 3. UG mit Schweiss auf der Stirn inbrünstig, dass die Ähre aus einer vergangenen Ära stammte und in dieser Kiste lag, WEIL SIE AUSGEMUSTERT WURDE. Und dass sie nie wieder in einem Korb an einem Arm von so einem Blumenmädchen mit Körbchen über die Bühne getragen werden würde. Von so einem lieben Ich will einmal auch Bühnenstar werden deswegen darf ich als-Deko in der grossen Inszenierung neben den Stars einmal seufzend vorbeilaufen einmal in einer vier Stunden Inszenierung über die Bühne huschen und mit der Ähre winken mit meinem eng geschnürten Kleid die Bauernromantik verkörpern die Einfachheit der Bauersleute und im schlimmsten Fall auch noch die Fruchtbarkeit-Mädchen! (und das wahrscheinlich ohne Bezahlung weil es ist eine Investition in meine grosse Zukunft hat der Mann am Chefposten gesagt)

Das mit dem Bauernmädchen ist natürlich eine Unterstellung. Aber eine durchaus berechtigte in Anbetracht der Geschichte des Theaters und der neueren dieses Hauses. Und also hoffte und betete ich da unten im 1.,2, oder 3. UG und schlug mir mit der Ähre ein paar Mal kasteisch auf meinen Rücken. Ich hoffte, dass die Emanzipation definitiv einzieht hier bis in den letzten Winkel jedes UGs. Allerspätestens jetzt wo die Bauernmädchenähren ausziehen. Und der Chef ausgezogen ist. Oder sagen wir ausgezogen worden ist. Und die Themenachse Theater Macht Frau Mann in den Köpfen aufgebrochen worden und jetzt ready ist fürs neu Zusammensetzen! GEIL! ICH FREU MICH!

Und also nahm ich sie mit die Ähre, um mich an all das stets zu erinnern und ein Exempel dabei zu haben. Im Falle eines Aufstandes oder so...

Und zurück in die Mansarde.
Aber WIE DENN JETZT?

In die Mansarde? Die Frau an der Loge ist noch immer nicht skeptisch!
Und ich bin wirklich enttäuscht und gleichzeitig schleicht sich da ein neuer Gedanke ein: Wenn man da einfach so reinlaufen kann, dann… mhm… ich bekomme Ideen, die darüber hinausgehen Bauarbeiter mitzunehmen … Und die was mit der Ähre zu tun haben könnten und dem kommenden Aufstand und

Jetzt unterbricht sie mich. Als ob sie meinem Gesicht angesehen hat, dass ich teuflische
Dinge denke.
In die Mansarde wollen sie? OU das ist schwierig. (Nicht schon wieder!)
Also am besten Lift runter nehmen ins 3. UG dann links dann wieder links und dann rechts und dann zum nächsten Lift und mit dem hoch in den dritten Stock. Ich bedanke mich und gehe los. Und finds doch langsam gut zu wissen, dass man hier einfach reinlaufen kann mit einem Gummizwerg und niemand wird skeptisch.
(Vielleicht seh ich aber auch einfach zu seriös aus. Oder sie haben bei der letzten Mitarbeiterversammlung mein schreckliches Spielzeitheftfoto (Ps geschossen von einem Mann der die Achse Mann Macht Frau auch noch nicht ganz verstanden hat rumgezeigt und gesagt DAS ist die NEUE, OBACHT
mhm
wahrscheinlich nicht
schade eigentlich
ich hätte schon gerne so einen OBACHT- ruf...

Und es kommt was kommen musste: ich irre im 3. UG herum. Viele Gänge. Graue Gänge. Scheisse. Aber das war dann eben der Moment wo ich die Ähre fand. Und fast erwischt wurde. Aber: Gott sei Dank, endlich Menschen. Hallo ich suche die Mansarde. Aha. Ja. Komm mit. Ein sehr netter Mann. Ich witzle rum um diese wir laufen in engen grauen Gängen beengende-Stimmung aufzulockern: uh das ist ganz schön kompliziert bei euch.
Hab mich total verirrt. Ach was sagt er. Auch er fragt nicht nach.
Also sag ich: Ich bin eben neu hier. Aha. sagt er. Und mehr nicht. Schon wieder.
Aber dann wird ihm vielleicht die zwei unbekannte laufen in engen grauen Gängen beengende-Stimmung auch unangenehm und er fragt endlich: Was machst du denn? Ich bin Hausautorin. Also die neue. Die neue Hausautorin.
Aha. sagt er wieder. Und lacht. Und es ist klar, er hat noch nie gehört, dass es sowas an diesem Haus gibt. Hausautorin. Hihi. Sitzt die im Haus? Wohnt die hier? Hihi.

Er bringt mich vor die Tür des Lifts. Und der Weg war WIRKLICH kompliziert, so dass ich mir kurz ernsthafte Sorgen mache, ob die Ähren den Weg überhaupt raus in die Müllabfuhr finden werden!??

Merci viaumau sag ich auf Berndeutsch und bin wirklich sehr dankbar, dass dieser liebe Mann mich gerettet hat aus den Fängen in KTB-Gängen. Er freut sich. Keis Problem. Tschühüss. Dann dreht er doch nochmal um und sagt (endlich!) wie heisst du? und ich bin mir nicht sicher ob er es einfach nett findet oder plötzlich denkt: im Fall der Fälle wäre es gut zu wissen, wer die Person ist, falls ich die fälschlicherweise in die Mansarde geführt habe und am Ende ist die eine Einbrecherin oder eine Requisitenklauerin oder eine Brandlegerin oder sowas. Weil Hausautorin? Seriously?

Julia und du? Er lacht sehr freundlich und erleichtert, als ob mein schöner Vorname seine Skepsis weggewischt hätte und schüttelt mir die Hand. Technikabteilung sei er. Bis bald gäu. Wirklich nett. (Ich war ja schon immer am meisten Fan von den Technikern, aber das ist ein eigenes Kapitel wert)

Zurück in der Mansarde, wo meine Bühne, auf der ich mich gleich vorstellen soll, die neue Hausautorin, die fast zum ersten Mal hier und so, schon wunderschön beleuchtet strahlt und sagt: ich bin bereit für dich. Bist du bereit für uns?

Und? Weg gefunden?
Ja kein Problem sag ich. Muss mich nur noch bisschen an die Grösse gewöhnen hier. Ich lache. Sie lachen nicht die TechnikerInnen. Sie verstehen meinen Ich komme aus der freien Szene und bin zum ersten Mal an sonem fetten Haus mit so rotem Samt und goldenen Lampen und unterirdischen Gängen und Fake-Ähren-Groove nicht. Jedenfalls wundern sie sich nicht, nicht so wie ich. Sie sind ein eingespieltes Team. Sie wissen Bescheid. Sie sind organisiert. Sie sind Rädchen in einem gut funktionierenden Schiff, das (abgesehen von Reibungen an der Spitze (siehe letzte Wochen/ Monate/ Jahre) ziemlich reibungslos übers Berner Meer fährt.

Sonst kannst du nächstes Mal anrufen sagt sie noch liebevoll die Technikerin. Also nicht auf unsere Privatnummern nein das nicht (OU DA KÖNNTE SICH DIE FREIE SZENE FREIZEITTECHNISCH WAS ABSCHNEIDEN!!).
Weil weisst du hier sind überall so Telefone, siehst du die? INTERNE TELEFONE. Damit kann man überall im Haus hin anrufen. In alle Abteilungen. Und sie sagt das Wort Abteilungen so, dass klar wird, dass es SEHR viele davon gibt.
Das interne Telefonsystem. Kann man jederzeit und überall benutzen. Ganz einfach. Jetzt bin ich definitiv beeindruckt. KTB, doch, das könnte was werden mit uns.
Aber OBACHT. Die Ähre hab ich jetzt immer dabei und über die reden wir noch!!
Sobald ich rausgefunden habe, mit welcher Abteilung und in welchem UG und vor allem: wie man dahin kommt..

Julia Haenni, geboren 1988 im Aargau, arbeitet als freischaffende Autorin, Performerin und Regisseurin in der ganzen Schweiz und in Deutschland. Sie studierte Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste und davor Theaterwissenschaft und Deutsche Sprache und Literatur an den Universitäten Bern und Berlin. Sie arbeitet seit jeher über Disziplin-, Format- und Arbeitstrukturgrenzen hinaus mit Erwachsenen, Laien, Profis, Jugendlichen und Kindern. Sie hat sich insbesondere der Schnittstelle zwischen Musik und Sprache/Text sowie der Reflexion weiblicher und männlicher Rollenbilder in Gesellschaft und auf Theaterbühnen verschrieben. 

In der Spielzeit 2018.19 ist sie Hausautorin am Konzert Theater Bern und schreibt ein neues, zeitgenössisches Stück für das Haus. Nebenher lässt sie sich mit Texten beauftragen: Im Rahmen ihres «Textkiosk für dringende Notwendigkeiten» können Bernerinnen und Berner während der ganzen Theatersaison 2018.2019 Texte bei ihr bestellen.

textefuerdringendenotwendigkeiten@gmx.ch

Die Autorin schreibt jeden Wunsch und springt jede Hürde!